Business Culture Indien

Interkulturelle Kompetenz ist der Schlüssel zu internationaler Unternehmensfitness


Ein Besuch bei den Göttern: der Tempel

Im Laufe der Geschäftsanbahnung und Vertragsverhandlungen wird es sich Ihr indisches Gegenüber kaum nehmen lassen, Ihnen die Sehenswürdigkeiten der Umgebung zu zeigen. Dazu gehören ganz bestimmt auch hinduistische Tempel.

Tempel sind seit alters her Orte, an denen das Leben pulsiert, Handel getrieben wird und die Geschäfte mit dem göttlichen Segen nicht zu kurz kommen. Begleiten Sie Ihren Geschäftspartner neugierig, gehen Sie staunend mit und lassen Sie sich einfach von der bunten Menge der Pilger und Gottesfürchtigen mitreißen.

Barfuß vor den Göttern

Beim Hineingehen in den Tempel müssen Sie die Schuhe ausziehen (es gibt Schuhdepots) und barfuß oder auf Socken das Heiligtum betreten. Dieses Zeichen der Ehrfurcht erinnert daran, dass der Ort, an dem Sie sich befinden, heilig und der Platz ist, an dem Sie in Berührung mit Gott kommen.

Ins Zentrum kommen und Kraft tanken

Größere Tempel haben in der Regel mehrere Vorhallen, durch die hindurch man sich dem Zentrum nähert. Ist man schließlich beim Allerheiligsten angelangt, d.h. dem Symbol der Gottheit, umrundet man dieses im Uhrzeigersinn (so wie sich die Erde um die Sonne dreht und dabei ihre Kraft auftankt), um dabei Anteil zu haben an der Kraft, die von Gott ausgeht.

Das Göttliche gibt Lebensenergie und spendet Segen. Je näher man dem Gottesbild ist, desto mehr partizipiert man an diesem Kraftzentrum. Deshalb drängen die Gläubigen, um dem Göttlichen möglichst nahe zu sein. Drängeln ist üblich. Achtsamkeit im Angesicht Gottes meist Fehlanzeige. Schließlich will man schnell den Segen bekommen.

Zu gewissen Zeiten wird ein unverstellter Blick auf das Gottesbild gewährt. Der Priester zieht dazu den Vorhang weg und zeigt die Gottheit. Dieses Zeigen (darshan) ist der Höhepunkt des Tempelbesuchs.

Es ist ein heiliger Moment, in dem der Mensch das Göttliche schauen darf, sich aber auch gewiss ist, dass Gott ihn anschaut.

Gott schauen

Nach dem Schauen, das aufgrund des Ansturms von Betenden meist nur ein sehr kurzer Augenblick ist, gehen die Gläubigen zum Priester, bringen Gaben (z.B. Kokosnuss, Blumen, Geld) und werden gesegnet. Dazu spricht der Priester ein Gebet, hält dem Gläubigen die Flamme einer Öllampe hin, damit er mit beiden Händen das Licht annimmt und symbolisch zu sich bringt in der Gewissheit, dass das Göttliche Licht ins Dunkel bringt und das Böse vertreibt.

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Feuer und Wasser

Außerdem zeichnet der Priester mit Sandelholzpaste einen Punkt auf die Stirn des Gläubigen (tilak bzw. tika) und bietet als Symbol der Reinheit und der Abwaschung der Sünden Wasser an. Sie können davon einen Mini-Schluck trinken, wenn Sie keine hygienischen Bedenken haben, oder ihre Lippen damit leicht befeuchten oder Sie nehmen das Wasser mit ihren Händen auf und benetzen sich damit Ihren Kopf, indem Sie es über Ihre Haare streichen.

Prasad – Von Gottes Gaben kosten

Danach bekommt man prasad geschenkt, eine gesegnete Speise (Reiskügelchen, Kokosschnipsel etc.), die man entweder gleich essen kann oder mit nach Hause nimmt und sie mit seiner Familie und den Freuden teilt. Niemals aber ist diese Gabe wegzuwerfen. Wenn Sie die heilige Gabe nicht essen möchten, dann schenken Sie weiter, was Sie bekommen haben. Ihr Geschäftspartner, KollegInnen oder der Chauffeur freuen sich.

Keine Angst, durch die Teilnahme an einer gottesdienstlichen Feier im hinduistischen Tempel werden Sie kein Hindu. Hindu ist man von Geburt an. Ein Übertritt zum Hinduismus ist nicht möglich.

Puja – der Gottesdienst

Da der Hinduismus eine sehr tolerante Religion ist, die alle anderen Religionen würdigt und die Vielzahl der Religionen als Ausdruck des einen Göttlichen erkennt, das auf verschiedene Weise verehrt wird, heißt man Nicht-Hindus im Tempel gerne willkommen und lässt sie an der gottesdienstlichen Feier (puja) teilnehmen.

Machen Sie einfach, was die anderen auch machen. Glocken zu Beginn läuten, Singen, andächtig stehen, sich respektvoll benehmen. Keine Angst: Nach spätestens einer halben Stunde ist die religiöse Feier vorbei.

Nun kennen Sie die wichtigsten Symbole und Gesten, die Sie beim Tempelbesuch erleben werden. Auch wenn Ihnen das meiste davon fremd ist, werden sie ganz schnell durch Beobachten lernen. Ihr Geschäftspartner wird es sich zur Aufgabe machen, Sie zu führen und freut sich, wenn Sie sein Bemühen schätzen und mit Nachfragen würdigen. Normalerweise wird er Ihnen vorausgehen und Sie einladen, alles genauso zu machen wie er.

Spenden willkommen

Gut ist es, wenn Sie etwas Kleingeld, z.B. einen 50 Rs-Schein, schon vor dem Tempelbesuch in die Hosentasche stecken, damit Sie diese Spende zur Hand haben, wenn Sie der Priester segnet. Legen Sie Ihre Spende auf das Tablett, das Ihnen der Priester zusammen mit dem Licht, dem Wasser und der Farbe bzw. Sandelholzpaste hinhält. Diese Spende entlohnt den Priester (Brahmanen) und dient dem Tempel insgesamt als Unterhalt. Viele Tempel verteilen jeden Tag Essen an die Armen.

 

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Religiöse Feiern im indischen Businessalltag

Anlässe gibt es genug, um Gottes Beistand zu erbitten oder sich zu bedanken. Auch im Geschäftsleben. Der Vertragsabschluss ist ein wichtiges Etappenziel, das gebührend gefeiert werden soll.

Nicht selten schlagen Ihre indischen Partner dazu eine kleine religiöse Zeremonie vor, in deren Mittelpunkt das Anzünden einer Öl-Lampe steht (aarti). Dazu wird in der Lobby oder einem repräsentativen Raum ein ca. 1-Meter hoher Leuchter aufgestellt, an dessen oberem Ende sich eine kleine Schale mit Öl befindet, wobei kreisförmig eine ungerade (= Glück verheißende) Anzahl von Dochten angebracht ist.

Aarti – Lichtsegen

Als ausländischer Geschäftspartner werden Sie normalerweise als Erster aufgefordert, den ersten Docht anzuzünden. Reihum zünden dann hochrangige Repräsentanten der neu gegründeten Firma die Dochte (meist fünf, sieben oder neun) an.

Licht ist das Symbol des Glücks, der Zufriedenheit, der Reinheit und Makellosigkeit und seit den frühen Zeiten des Hinduismus auch Zeichen von Gott Agni, der Wärme, Güte, Wohlergehen und Erfolg schenkt. Weiterhin steht Licht aber auch für die Weisheit, die alle Dunkelheit des Unwissens vertreibt. Wird also das Licht entzündet, dann erinnern sich die Versammelten daran, dass das Licht die Finsternis, das Gute das Böse, das Wissen die Ignoranz vertreibt und schließlich auch das Leben in Ewigkeit gewandelt wird.

Eingerahmt ist dieser Moment des Licht-Anzündens von sich mehrfach wiederholenden rituellen Gesängen und Gebeten, die ein Priester spricht. Von der Stimmung her ist so eine Feier ein festlicher Akt, der erkennen lässt, dass hinter allem menschlichen Tun Gottes Kraft steckt, deren Beistand erbeten wird.

Grundsteinlegung – auf göttlichen Beistand bauen

Etwas mehr Zeit als das Anzünden des Lichts nimmt die feierliche Grundsteinlegung in Anspruch. Dazu wird Ihr indischer Geschäftspartner einen oder auch mehrere Priester beauftragen, die für den Erfolg Ihres gemeinsamen Unternehmens beten.

Da sich dieser feierliche Akt meist über mehrere Stunden hinzieht, ist es klug, vorher zu fragen, wann in etwa mit dem feierlichen Höhepunkt zu rechnen sein wird, bei dem Sie teilnehmen sollten. Es ist Ihnen natürlich unbenommen, bei der ganzen Feier präsent zu sein, erwartet wird Ihre Präsenz allerdings nur zum muhurat, d.h. zum Finale bzw. Höhepunkt der Liturgie.

Einen Baum pflanzen

Elemente sind u.a. die Rezitation der Heiligen Schriften durch die Priester, das Ausheben eines Loches, in das hinein ein Baum (meist ein Mangobaum) gepflanzt wird, um das erhoffte Wachstum auszudrücken, das Legen von 9 Steinen, die die 9 Planeten des Sonnensystems symbolisieren, das Darbringen einer Kokosnuss als Zeichen der Fülle und Vollkommenheit, um den göttlichen Segen und Beistand zu erbitten.

Mutter Erde

Danach werden die Manager gebeten, den Grundstein zu legen und dabei daran zu denken, dass es die Mutter Erde ist, aus deren Boden wir leben. Schließlich wird Wasser über alle Beteiligten ausgesprengt, um sich daran zu erinnern, dass alles unter dem Zeichen göttlichen Segens ist.

Den Abschluss der Feierlichkeit bildet ein gemeinsames Essen, bei dem besonders gute Sachen einschließlich vieler Süßigkeiten aufgetischt werden. Die feierliche Grundsteinlegung ist der sichtbare Akt Ihres gemeinsamen Agierens, so dass es sich von selbst versteht, dass Sie im großen Stil feiern und dazu alle, die Ihr Geschäft bisher mit auf den Weg gebracht haben und vor allem alle Angestellten und Arbeiter einladen und in Fülle bewirten.

Beten in der Firma – einen Ort dafür schaffen

Empfehlenswert ist es, einen Gebetsraum auf Ihrem Firmengelände einzurichten oder zumindest Götterbilder bzw. -statuen anzubringen. Indien ist mehrheitlich hinduistisch. Die zweitgrößte Religionsgemeinschaft ist der Islam. Hinzu kommen Christen, Sikhs, Jains, Bahais, Buddhisten und Juden.

Bitte überlegen Sie, wie Ihre Belegschaft zusammengesetzt ist und wie Sie es architektonisch schaffen, die verschiedenen religiösen Traditionen angemessen zu berücksichtigen.

Inder haben auf diesem Gebiet selbst viel Erfahrung und freuen sich, wenn Sie von sich aus als Zeichen des Respekts gegenüber den Religionen die Idee eines Gebetsraums vorschlagen und diesbezüglich Rat von indischer Seite einholen.


E-Commerce: Amazon versus Flipkart

Bequem vom Sofa aus bestellen statt Schlepperei, Getümmel und von einem Laden zum anderen hetzen. So kaufen viele heute ein. Auch in Indien. Hier ist Flipkart derzeit der größte Onlinehändler. Binni und Sachin Bansal, beide Anfang 30, nicht verwandt oder verschwägert, Absolventen des renommierten IIT-Delhi, Ex-Amazon-Mitarbeiter, haben Flipkart 2007 als start-up gegründet und dafür mehrere Millionen venture capital akquiriert.

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Inzwischen gehört die Homepage zu den TOP 10 in Indien. 10 Millionen Nutzer haben sich registriert, die Hälfte davon hat in den letzten 12 Monaten tatsächlich auch online gekauft. 100.000 Sendungen werden täglich vom Firmensitz Bangalore aus verschickt. 4500 Mitarbeiter sind beschäftigt. 2015 soll das Ziel von 1 Milliarde US-Dollar Einnahmen geknackt werden. Eine steile Erfolgskurve zweifellos. Doch jetzt … Die Konkurrenz ist da.

Seit Juni 2013 gibt es Amazon in Indien. Der Gigant sitzt direkt vor der Nase. Ebenfalls in der IT-Metropole Bangalore. Nur 13 km von Flipkart weg. Verantwortet wird das Indiengeschäft von Amit Agarwal, der 2007-2009 zum engsten Mitarbeiterstab Jeff Bezos gehörte und von diesem eine einzige Anweisung erhalten hat: „Invest big!“ Warum? Ganz einfach: In zwanzig Jahren soll der indische Markt größer sein als der US-amerikanische.

Amazon startete mit Büchern, erweiterte einen Monat nach Markteintritt das Sortiment um Handys, Kameras und Tablets. Zwei Monate später kamen PCs, Notebooks und der ganze Zubehör zu elektronischen Geräten dazu. Kurz danach die Kategorien Spielsachen, alles rund ums Kind, Körperpflege, Gesundheit und lifestyle-Produkte, Kleidung, Uhren und Schmuck. Das Geschäft boomt. Eine schnelle und zuverlässige Auslieferung garantiert.

Wer sind die Online-Händler?

Wie Flipkart kämpft Amazon um Händler, die davon profitieren, ihre Waren im ganzen Land anzubieten. Amazon hat sich ein besonderes Modell einfallen lassen, um attraktiv zu sein. Jedem Verkäufer wird ein Zwei-Jahresvertrag angeboten, wobei im ersten Geschäftsjahr für den Verkäufer keinerlei Kosten anfallen. Im zweiten Jahr wird eine monatliche Gebühr von 499 Rupien dafür fällig, dass Amazon die Waren bewirbt, lagert und verschickt. Für jeden Deal fällt zusätzlich eine Abwicklungssumme von 10 Rupien fix an. Je nach Warenkategorie streicht Amazon 4-8% vom Verkaufspreis ein.

Ein gutes Geschäft sagen die Verkäufer, die vor allem von den Schulungen, der Logistik und dem exzellenten Marketing und landesweiten Vertrieb profitieren. „Ich war völlig platt als wir vergangenen Monat aus einer winzigen Kleinstadt in West-Bengalen, die wir erst auf der Landkarte suchen mussten, eine Bestellung für 3000 Rupien bekamen“, sagt Shreya, die Silberschmuck verkauft. „Wir bieten auf Amazon und Flipkart an. Es lohnt sich. Im Moment kommen 15% der Einnahmen über Amazon und 12% über Flipkart, der Rest verteilt sich über andere Online-Plattformen“, so Ihre Bilanz.

Mobiles shopping mit 198 Millionen Internetanschlüssen, davon 70 Millionen Smartphone-Nutzern

Indiens kaufkräftige Ober- und Mittelschicht sind die Nutzer des Internethandels. Sie können bequem von zuhause aus bestellen. Die meisten kaufen über ihre Internetflatrate am Handy. Ein riesiges Sortiment ist rund um die Uhr verfügbar. Zugestellt wird in ganz Indien. So kommen die chicen Produkte der Designerlabels aus den Metropolen auch in kleinere Städte.

Vor kurzem hat Amazon eine Premiumvariante eingeführt: Versand binnen 24 Stunden garantiert für einen Aufpreis von 99 Rupien. Nur eine Woche später zog Flipkart nach: dasselbe Angebot für nur 90 Rupien. Die Nachfrage ist riesig. Der Mehrpreis von ca. 1,20 tut kaum einem weh.

The big deal – cash on delivery: ein neues Geschäftsmodell

Attraktiv ist in Indien aber nicht nur die zuverlässige und schnelle Lieferung, sondern das Zahlungsmodell: Cash on delivery. Gezahlt wird, wenn die Bestellung gefällt. Keine Vorkasse, keine Kreditkarte, sondern bar auf die Hand. Warum? In Indien gibt es vergleichsweise wenig Kreditkarten, weil die Kundschaft der Sicherheit des bargeldlosen Zahlens nur ein geringes Vertrauen entgegenbringt. Außerdem ist in Indien viel Schwarzgeld im Umlauf. Wie könnte es besser ausgegeben werden als beim Shoppen? Amazon hatte dieses Modell vorher schon in mehreren emerging markets mit sehr großem Erfolg ausprobiert. Marktanpassung auf die Kundenbedürfnisse.

Die Kröte, die zu schlucken ist …

Das größte Risiko beim online-Handel für den Verkäufer ist die Retoure bei Nicht-Gefallen. 40% bei Kleidung und Schuhen werden zurückgeschickt. „Das ist das Übel, das man in Kauf nehmen muss“, sagen die Händler. „Wir müssen kundenfreundlich damit umgehen. Dann kommt der Kunde beim nächsten Mal wieder. Die Enttäuschung, dass er nicht gekauft hat, dürfen wir nicht zeigen“, sagt Arvind, der seid fünf Jahren Handyzubehör übers Netz verkauft.

Den Kunden umwerben mit aller Finesse

Stickiness ist das A und O. Kundentreue die Schmiere, die den Handel am Laufen hält. Dazu muss man wissen, was der Kunde genau haben will. Man muss in die Köpfe schauen können und die Sehnsüchte kennen. Was könnte noch gefallen? Was wünscht sich der Kunde? Nicht nur, was könnte er sonst noch brauchen. Kurz und knapp: Online-Plattformen müssen wissen, was der Kunde will, noch ehe dieser überhaupt weiß, dass es ihm auch gefallen könnte.

Um in den Kopf und das Herz des Kunden zu kommen, verfolgen Amazon wie Flipkart im wesentlichen zwei Strategien:

Erstens: Sie holen sich die besten IT-Leute, die aus allerlei gesammelten Daten das Kaufverhalten errechnen und die dazu passenden Produkte vorschlagen. „Das könnte Ihnen, Her/Frau xy, auch noch gefallen!“ Längst ist der Wettbewerb um die Talente entbrannt. Flipkartgründer Sacchin Bansal erklärt: „Wir kaufen die besten ein. Nicht nur in Indien. Auch aus anderen Ländern!“ Neben dem Kampf um die Zauberformel, die die Käufer-DNA entschlüsselt, ist noch etwas anderes nötig.

Zweitens: Love bombing dem Kunden gegenüber wirkt Wunder, so wissen gute Verkäufer. Die persönliche Ansprache – denn nichts hört oder liest man lieber als den eigenen Namen – ist die Ouvertüre zur Kundenbindung. Prämienpunkte, Treurabatte und das Angebot von exklusiven Produkten, die es sonst nicht gibt, sind das kleine Einmaleins. Amazon und Flipkart lassen sich allerhand einfallen, um die Gunst des Kunden zu bekommen und zu erhalten. Der Kunde soll Fan werden, der auch gleich noch seinen Freunden erzählt, wie toll man da bedient wird.

Offen ist, wer in Indien No. 1 wird. Flipkart oder Amazon.

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Literaturtipp: Der Alte und die Affen

Respekt vor dem Alter sei wichtig. In Indien herrsche das Prinzip der Seniorität. Ein Chef mit ergrauten Schläfen tue sich leichter, so lernen wir in interkulturellen Trainings und stellen uns darauf ein.

Doch wie so meist: Es gibt die andere Seite der Medaille. Neben der Hochachtung der Alten, der Wertschätzung ihrer Erfahrung und Weisheit, gibt es ihre Verachtung. „Einer mehr, der satt werden will“, „einer mehr, der nicht arbeitet und einem nur auf der Tasche sitzt“. Kurzum: die Alten – eine Belastung.

Altsein in Indien ist nicht unbedingt ein Zuckerschlecken. Vielfach ist die Zeit vorbei, in der es selbstverständlich war, im Alter von seinen Kindern versorgt zu werden. Darauf können sich alte Menschen heute nicht mehr verlassen. Einsamkeit und Entfremdung machen ihnen zu schaffen, auch die Streitigkeiten der Kinder ums Erbe. Bangalore, die IT-Hochburg, sei die altenfeindlichste Stadt Indiens, ermittelte HelpAge. Hier werden alte Menschen am häufigsten beschimpft und emotional verletzt.

Also, wohin mit den Alten? Altersheime gibt es kaum und wenn, dann sind sie für viele nicht zu bezahlen. Rente haben die meisten nicht und das Ersparte ist schon für die Kinder und Enkelkinder ausgegeben.

Deshalb raus auf die Straße. Oma und Opa werden zum Betteln geschickt. Dann sind sie wenigstens noch zu etwas nützlich. Oder man sucht einen anderen Verwendungszweck: Opa soll die Affen vertreiben, die sich im Garten und auf der Terrasse breit gemacht haben und die ganze Nachbarschaft terrorisieren.

Wie das geht, verrät eine der Kurzgeschichten, die in diesem Band zusammengestellt sind. Manchmal ernst, manchmal amüsant, manchmal mit einem guten Schuss Selbstironie, in jedem Fall aber spannend sind die Gedichte und Erzählungen, die unseren Blick hinter die Fassaden Indiens lenken.

Ich hatte das Gefühl, den Menschen näher zu kommen und Indien ein klein wenig mehr zu verstehen. In den Figuren glaubte ich, den einen oder anderen aus meinem Bekannten- und Freundeskreis wiederzuerkennen mit seinen Geschichten. „Aha, so ist das“, dachte ich. Denn ich hatte auch schon Geschichten gehört, dass sich die Hoffnung der Alten auf einen geruhsamen Lebensabend bei den Söhnen in Null Komma Nichts aufgelöst hat. Träume und Hoffnungen zerplatzt wie eine Seifenblase. Die Geschichten mischten sich in die Geschichten meines Alltags.

Und doch wieder die Frage: „Ist es wirklich so?“ „Kann es tatsächlich so sein?“ Alles nur Übertreibung, Empfindlichkeiten, die Klage über die Schwiegertochter, die es einem so gar nicht gut meint. Klar, Schwiegertochter, denn der eigene Sohn kann ja gar nicht so grausam sein. Hoppala, Indien wird mit all seinen Facetten sehr kontrastreich lebendig. Immer wieder überraschend.

Ein Buch, das in die Tiefe geht. 100% authentisch, ehrlich, schonungslos. Absolut zu empfehlen für alle, die die vielen Gesichter Indiens kennen lernen möchten und interessiert sind, jenseits der Glitzerwelt des boomenden, jugendlich-dynamischen Indiens auch die unbequemen und oft verborgenen oder auch tabuisierten Wahrheiten zu erfahren.

H. Pandey, I. Prakash u.a. (Hg.), Der Alte und die Affen. Geschichten vom Altwerden im modernen Indien, Heidelberg 2012. Erschienen ist dieses Buch im Draupadi Verlag, der es sich zum Ziel gesetzt hat, uns lokalsprachige AutorInnen mit ihrem Wirken zugänglich zu manchen. Indu Prakash und Heidemarie Pandey haben die Geschichten für uns zusammengetragen und aus Hindi übersetzt. 189 sehr lesenswerte Seiten für 16,00 €.


Magic Ink made in India – Tinte für die Demokratien dieser Welt

Wenn wir an Tinte denken, dann fallen uns wahrscheinlich unsere ersten Schreibübungen mit dem Füller ein. Wie stolz waren wir, wenn die Buchstaben und Wörter richtig geschrieben waren. Wenn nicht, dann gab es ja noch etwas, das uns rettete: der Tintenkiller. Schon waren unsere Fehler verschwunden.

Was aber hat Tinte mit Demokratie zu tun? „Keine Ahnung“, sagen Sie und zucken mit den Schultern. Für uns ist kein Zusammenhang ersichtlich. Aber die Geschichte ist ganz einfach:

In vielen Ländern der Erde markiert man die Finger derer, die gewählt haben mit Tinte. Und zwar mit einer ganz besonderen: einer, die abriebfest ist. Wasser und Seife helfen nicht, um sie los zu werden. Auch keine anderen Mittel. Dokumentenecht, unauslöschlich, nicht löslich…

Punkt, Punkt, Komma, Strich bei Wahlen

In Indien zum Beispiel wird mit einem Stäbchen eine Längslinie über Fingernagel und Haut gezogen, in Kambodja und auf den Malediven muss der Wähler den Feigefinger ins Tintenfass tauchen. Burkina Faso und Burundi verwenden kleine Bürsten, um die Tinte aufzutragen, Afghanistan einen Stift.

Egal, in welchem Land auch immer bei Wahlen Tinte zum Einsatz kommt, um Betrug zu verhindern: Sie stammt aus Indien. Genauer gesagt aus Mysore. Eine einzige Firma hat die Berechtigung, sie herzustellen: Mysore Paints & Varnish.

Ein Nischenprodukt als Bestseller

Eigentlich stellt Mysore Paints & Varnish Anstriche und Lacke her. Ganz gewöhnliche Produkte für den Hausgebrauch. So wollte es der Gründer der Firma, der ehemalige Herrscher der südindischen Stadt, der die Farben nicht zuletzt für seine vielen Bauten brauchte. 1962, nach fast 40 jährigem Bestehen, bekam die Firma die Anfrage der Wahlkommission, eine Tinte zu erfinden, die für längere Zeit auf der Haut sichtbar bleibt und nicht abwaschbar ist. Gesagt, getan. Die Zaubertinte wurde erfunden.

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Klar, dass die Herstellung strengster Geheimhaltung unterliegt. Nur so viel verrät der Geschäftsführer des Unternehmens, das sich heute im Besitz des Bundesstaates Karnataka befindet: „Silber ist ein wichtiger Bestandteil unserer Tinte. Deshalb ist der Preis vom Silberpreis abhängig. Der Feinsprit kommt ebenso wie alle anderen Rohmaterialien aus Indien“, mehr könne der Chef von ca. 65 festen Mitarbeitern nicht verraten.

A mark of pride

Leuchtend violett ist die Tinte in der Flasche. Auf Fingernagel und Haut aufgetragen, verfärbt sie sich dunkel-violett bis schwarz. Drei bis vier Wochen ist sie sichtbar. Falls jemand versucht, sie abzurubbeln oder abzuwaschen, erscheint sie sofort wieder, da sie auf Licht reagiert. Der Zeitpunkt, wann die Markierung verschwindet, hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel von der Körpertemperatur und den Lebensgepflogenheiten der Person, deren Finger markiert wurde.

Wochenlang gezeichnet, das macht nichts. Die meisten tragen ihre Markierung mit Stolz, ist sie doch für sie das Symbol ihrer Bürgerrechte. Ein Zeichen der Demokratie.

„Over the counter“ kann diese Tinte nicht erstanden werden. Wo aber dann? Geordert wird über die Botschaften und die Vereinten Nationen. Ein Fläschchen in der Standardgröße von 10 ml kostet ca. 183 Rupien (=rund 2,50 Euro) und reicht für 700 Wähler.

Großabnehmer ist der indische Staat. Überall, wo gewählt wird, ist Mysore Paint & Varnish mit im Spiel. Bei den Parlamentswahlen 2004 wurden 1,7 Millionen Flaschen à 5 ml verbraucht, 2009 schon mehr als 2 Millionen. Der Grund dafür ist nicht nur, dass es mehr Wahlberechtigte gab, sondern dass die Wahlkommission beschloss, den Punkt durch eine Linie als Form der Markierung zu ersetzen. Ein gutes Geschäft, braucht man doch für die Linie mehr Farbe.

Parlamentswahl Indien 2014 bedeutet „big business“

Für die Parlamentswahlen in 2014 sind 2,2, Millionen Fläschchen à 10 ml bestellt. 60 Tage sind für die Produktion veranschlagt. Der Wert dieses Auftrags 31 Crore (= fast eine halbe Million Euro).

Vom 7. April bis zum 12. Mai sind 814 Millionen Stimmberechtigte zur Wahl aufgerufen. Ein Mammutprojekt. Die größte Wahl der Geschichte überhaupt. 930.000 Wahllokale gibt es. In allen werden die orange-ockerfarbigen Fläschchen mit der Zaubertinte bereit sein.

Vertrauen zählt: Verkaufen ganz ohne Reklame

„Für unsere Tinte machen wir keinerlei Werbung. Man kennt uns. International vertraut man der Qualität unseres Produkts. Betrügen kann man mit dieser Tinte nicht“, so der Geschäftsführer Hemanth Kumar. „Bislang habe es eine einzige Beschwerde gegeben. Aus Afghanistan. Allerdings haben sie dort zum Auftragen der Tinte einen Stift verwendet, der nicht für unsere Tinte passte. Die Anschuldigungen wurden genau geprüft. Der Beweis kam schnell: Unsere Tinte ist sicher. Alle Vorwürfe mussten sofort zurückgenommen werden.“

Qualität steht an oberster Stelle, Diskretion und schnelle zuverlässige Lieferung ebenso. Das Nischenprodukt, das inzwischen mehr als 60% der Einnahmen bei Mysore Paint & Varnish ausmacht, findet Abnehmer in aller Welt. Demokratien vertrauen auf diese Qualität made in India.