Business Culture Indien

Interkulturelle Kompetenz ist der Schlüssel zu internationaler Unternehmensfitness


LEO – Die Erfolgsformel für Qualitätsmanagement

„Schon wieder eine Charge verdorben“, entsetzt sich der Laborleiter und schreit mir mit hochrotem Kopf im interkulturellen Konflikttraining seine Wut gegenüber der indischen Nachlässigkeit entgegen. „Qualität sieht anders aus. Einmal super und das andere mal voll daneben. Auf die Inder ist eben kein Verlass!“

Hier artikuliert sich die Enttäuschung über das immer mal wieder anzutreffende mangelnde Qualitätsbewusstsein auf indischer Seite. Subir Chowdhury, einer der 50 führenden Vordenker im Management weltweit und Experte für Qualitätsmanagement, hat einen Tipp, wie es gelingt, das Bewusstsein für Qualität zu schaffen. Er bringt es auf eine Formel: LEO!

images             LEO steht für Listen – Enrich – Optimise!

Zugegeben, die Formel ist leicht einprägsam. Aber in der Anwendung ein hartes Stück Arbeit. „Doch wenn es bei nur einem Prozent der Unternehmen gelingt, dann ist das schon ein Fortschritt. Jedes Prozent mehr ist wichtig“, sagt uns der Managementguru. Denn es macht den Unterschied zum Besseren.

„Mir geht es um das Bewusstsein für Qualität und zwar auf höchstem Niveau. Das gehört nicht unbedingt zur indischen DNA, resümiert Chowdhury. Diese ist eher von der Jugaad-Mentalität geprägt, nämlich in letzter Sekunde zur Überraschung aller noch irgendwie irgendetwas halbwegs Passables hinzubekommen. Das Ergebnis mag dann unter den gegebenen Umständen vielleicht akzeptabel sein. Aber Qualität geht anders.

Drei Dinge braucht es dazu: Hinhören, sich einsetzen und optimieren. Was aber heißt das genau?

Listening

Hinhören heißt aufmerksam sein, wahrnehmen, was andere sagen. Innerbetrieblich wie von außen. Hören, was die Kunden sagen, was die Mitarbeiter feststellen und aus diesen Botschaften Schlussfolgerungen für das jeweilige Produkt bzw. die Dienstleistung ziehen. Dazu gehört auch, die negativen Sachen, die zu Gehör kommen, selbstkritisch ernst zu nehmen und zu fragen, warum das so ist und wie es besser gehen könnte.

Enriching

Qualitätsbewusstsein lebt vom Commitment derer, die ein Produkt fertigen oder eine Dienstleistung erbringen. Nur Menschen, die mit Hingabe und Begeisterung arbeiten, erzeugen Spitzenergebnisse. Sie sind davon überzeugt, dass ihre Leistung eine Auswirkung auf die Gesellschaft hat. Positiv oder negativ. Wem es egal ist, welche Wirkung seine Arbeit erzielt, der erzeugt keine Top-Qualität. Wer höchste Qualität schaffen will, muss ein Betriebsklima erzeugen, das mehr von der Leidenschaft getrieben ist als vom Gedanken an das monatliche Entgelt.

„Passion-centred“, wie Subir Chowdhury diese Form der Unternehmenskultur nennt, bedeutet auch, dass man die Fehler nicht einfach auf andere schiebt. „Dieser oder jener sei schuld“, „aus diesem und jenem Grund konnte es nicht besser werden“ etc. Solche Sätze verschwenden Zeit und lähmen. Anstelle von Ausreden und raffinierten Mechanismen, anderen den schwarzen Peter zuzuschieben, müssen die Ressourcen ganz konsequent zur Verbesserung des Produkts oder der Dienstleistung verwendet werden. Statt mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, gilt der Satz: „Be the change you want to see in others!“

Optimising

Vollkommenheit ist das Ziel! Sich mit Mittelmäßigem zufrieden zu geben, ist der Killer für Top-Qualität. Qualität darf kein Kompromiss sein.

Damit dies gelingt, sind fünf Schritte notwendig:

  1. Von Anfang an müssen die Kosten ins Kalkül gezogen werden, die sich durch Fehler oder Scheitern ergeben. Wer sich bewusst ist, dass am Ende der beste Kunde weg ist, weil er fehlerhafte Ware bekommen hat, der arbeitet sorgfältig. Das heißt zum Beispiel, nicht vorschnell und sich selbst überschätzend auf Kosten der Qualität einer Deadline zuzustimmen, die qualitätvoll eigentlich nicht erreichbar ist.
  2. Überdies ist es extrem wichtig, es schon beim ersten Mal richtig gut zu machen. Nachbessern kostet Zeit und Geld.
  3. Dazu kommt der stetige Blick auf die Qualität. Manches mag oberflächlich passen, aber passt es auch bei den Details?
  4. Außerdem sollte man sich vor Augen halten, was die Wettbewerber sagen werden, wenn dieses Produkt oder diese Dienstleistung auf dem Markt ist. Gibt es da noch was zu verbessern? Was könnte die Konkurrenz bemängeln? Worauf würde sie neidisch blicken? Solche Fragen spornen an, die Latte der Qualität stets hoch zu halten.
  5. Und schließlich: Das Qualitätsbewusstsein ist nicht allein die Sache des Chefs, sondern aller Mitarbeitenden. Achtsamkeit, Sorgfalt, Streben nach Exzellenz – das muss die DNA aller Mitarbeitenden werden.

Wie das geht? Am besten durch den Stolz auf die entstehenden Produkte und Dienstleistungen. Jeder Mitarbeitende soll mit Begeisterung sagen können: „Es ist toll, dass ich hier arbeite. Ich bin ein Teil dieser Marke. Ich wirke mit am Erfolg. Ich trage dazu bei, dass wir so super sind!“


Der Lotuseffekt

Der Lotus ist ein Symbol, das „typisch“ für Indien ist. Ästhetisch. Ansprechend. Beruhigend.

Ein Lotusteich lädt uns zur Betrachtung ein und entspannt unsere Sinne. Lotusstängel sind eine Delikatesse. Designer kopieren den „Lotuseffekt“ und schaffen Produkte, an denen das Wasser abtropft. Grafiker spielen gerne mit diesem Zeichen, wenn sie ein Logo gestalten sollen.

Aber was genau ist die Bedeutung? Wie so oft in Indien landen wir bei der Religion.

Der Lotus symbolisiert das Herz der Menschen, in dem das Göttliche wohnt. Seine Blütenblätter umgeben einen harten Blütenstängel, der den Göttern als Sitz dient.

Sicher haben Sie schon einmal die bunten Darstellungen der indischen Götter und Göttinnen angeschaut. Unabhängig davon, ob Sie diese Bilder ansprechen oder nicht, wird Ihnen auffallen, dass die meisten Gottheiten in einem Lotuskelch stehen. Zart rosa, weiß oder pink leuchten die Blütenblätter.

Der hinduistischen Ikonografie nach symbolisiert der Lotus die Anwesenheit Gottes im Menschen. Gott hat seinen Platz im Herzen der Menschen. Das Herz ist die Wohnstätte des Göttlichen. Dort ist es Zuhause.

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Wenn wir uns indisch mit dem Wort „Namaste“ begrüßen, dann erinnern wir uns genau daran: Gott wohnt in jedem von uns. Ich grüße dich und das Göttliche, das in deinem Herzen wohnt.

Und noch eine Nuance erschließt sich uns: Der Lotus wächst aus dem Schlamm empor, streckt sich der Sonne entgegen und entfaltet seine Pracht. Schönheit gibt es trotz Dreck. Will heißen: Dem Göttlichen ist nichts zu gering.

Schon wieder kennen Sie ein religiöses Symbol und haben damit einen weiteren Schlüssel, mit dem Sie sich die Tür zum Verständnis der indischen Kultur aufschließen und besser verstehen, wie Ihre Geschäftspartner und Kollegen ticken.


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Indische Götter

Who is who?

Sicherlich haben Sie die Vielzahl der hinduistischen Götter schon bemerkt. Unzählig sind sie und die Angabe, es seien mehr als 3.000 oder 330.000 oder sogar 300 Millionen ist nur ein Platzhalter, um auszusagen, dass das Göttliche letztlich unfassbar ist. Andere sagen, es gibt so viele Götter, damit alle Menschen einen Zugang zum Göttlichen finden. Wieder andere betonen, dass es das eine Göttliche ist, das viele Namen hat und sich auf vielfältige Weise zeigt.

Wie dem auch sei: aus dem hinduistischen Pantheon ragen Shiva und Vishnu heraus, um die sich verschiedene religiöse Traditionen ranken. Im Geschäftsleben spielen zwei Götter eine ganz besondere Rolle. Zum einen aus der shivaitischen Linie stammend der elefantenköpfige Ganesha und zum anderen Lakshmi, die Frau Vishnus, womit die zweite große hinduistische Richtung in Blick kommt.

Ganesha – alle Hindernisse werden beseitigt

Die hinduistische Mythologie weist Ganesha als den Sohn von Shiva und Parvarti aus und erzählt dazu folgende Geschichte: Shiva hatte sich zur Askese in den Himalaya zurückgezogen und ließ seine Frau allein zu Hause. Sie schuf aus sich selbst einen Sohn und gab ihm den Namen Ganesha. Als sie ein Bad nehmen wollten, sagte sie zu ihrem Sohn, er solle sie vor fremden Eindringlingen schützen. Da kam Shiva unverhofft nach Hause, wollte zu Parvati und traf auf den wachenden Ganesha, den er nicht kannte. Es kam zur Auseinandersetzung und Shiva hieb Ganesha mit seinem Schwert den Kopf ab. Als Parvati das sah, erklärte sie Shiva, dass er gerade seinen Sohn getötet habe. Daraufhin lief Shiva in den Wald, wo er einem Elefanten begegnete. Diesen tötete er und setzte seinem Sohn den Elefantenkopf auf. Daraufhin wurde dieser wieder lebendig.

Ganesha gilt als guter Zuhörer und weiser Ratgeber. Er steht für Ruhe und Gelassenheit, für ein genaues Abwägen und ist deshalb auch in geschäftlichen Situationen der Gott, an den man sich wendet. Seine riesigen Ohren hören alles, sein großer Kopf bedenkt die Argumente, er räumt durch seine beeindruckende Größe alle Hindernisse aus dem Weg. Auf seine Intuition, sein Bauchgefühl, ist Verlass. Aus Dankbarkeit füttert man ihm viele Süßigkeiten.

So spielt er bei Geschäften eine große Rolle. In vielen Büros finden sich Ganesha-Statuen oder Bilder, oft verziert mit Blumengirlanden und kleinen Öllämpchen.

Lakshmi – Reichtum garantiert

Von ähnlich großer Bedeutung im Geschäftsleben ist die Göttin Lakshmi. Sie ist die Ehefrau von Vishnu, der in zehn Inkarnationen zu den Menschen kommt und ihnen hilfreich zur Seite steht. Lakshmi ist die Göttin des Glücks, der Glückseligkeit und der Fülle. Sie steht für Reichtum und Geld. Deshalb darf sie auch nicht fehlen, wenn es um erfolgreiche Geschäfte geht. Auch wenn viele indische Geldscheine dreckig sind, ist das Geld an sich nicht zu verachten. Geld stinkt nicht, heißt es auch in Indien. Mögen die Scheine noch so schmuddelig und zerfleddert sein, Hauptsache das Geld ist in meiner Tasche, lautet die Devise. Genau das aber ist der Job, den man von Lakshmi erbittet. Mehrung des Reichtums ist Vermehrung des Glücks.

Götter im Büro 

Immerhin haben Sie nun schon mit zwei Vertretern des hinduistischen Pantheons nähere Bekanntschaft gemacht. Wenn immer Sie nun den elefantenköpfigen Ganesha sehen, können Sie damit punkten, seinen Namen zu nennen und zu sagen, dass Sie da mal eine Geschichte von Shiva und Parvati gehört hätten und wissen, wie Ganesha zu seinem Aussehen gekommen ist.

Ihr Interesse wird entsprechend positiv vermerkt werden und vielleicht bekommen Sie ja noch die eine oder andere göttliche Geschichte erzählt.

Sie machen ihrem hinduistischen Geschäftspartner ganz sicher auch eine Freude, wenn Sie ihm eine Ganesha- oder Lakshmi-Statue schenken oder diese in der Geschäftsniederlassung anbringen lassen. So zeigen Sie nicht nur, dass Sie mit der indischen Götterwelt vertraut sind, sondern dass Sie bei allem Tun und Entscheiden auch auf den Beistand von Oben setzen und göttlichen Segen für Ihr Geschäft erbitten.


Religiöse Zeichen in Indien

Der Punkt auf der Stirn

Das haben Sie schon oft gesehen. Viele Hindus besuchen vor Arbeitsbeginn den Tempel oder beten zuhause und lassen dieses Zeichen den ganzen Tag auf der Stirn. Tilak oder tika  – wie dieser Punkt aus Sandelholzpaste und roter Farbe heißt – bedeutet für sie, sich bewusst zu sein, dass das Göttliche in einem wohnt. Gott ist mit dem Menschen in Beziehung.

Das dritte Auge

Dass dieser Punkt auf der Stirn angebracht wird, hängt mit dem Glauben zusammen, dass die Stelle an der Nasenwurzel das dritte Auge Shivas bezeichnet, aus dem er das Feuer der Weisheit schickt. Ebenso wird vermutet, dass diese spezielle, besonders sensible Körperstelle der Sitz der Seele ist. Beim Verbrennungsritual wird zum Beispiel der Schädel zerschlagen, wenn er nicht von selbst im Feuer zerbirst, um die ewige Seele aus ihrer vorübergehenden irdischen Wohnstätte zu befreien.

Bindi

Frauen schmücken farblich passend zu ihrer Garderobe ihre Stirn mit einem bindi, meist ein selbstklebendes modisches Accessoire in Punkt-, Stern- oder Tropfenform, das an die oben skizzierte Symbolik anknüpft und den Sitz der Weisheit unterstreicht.

Da sowohl Dalits (= Unberührbare, Kastenlose) als auch Muslime und Christen keinen Punkt auf der Stirn tragen, vermuteten die in Goa siedelnden Portugiesen, dass der tika ein Zeichen der Kastenzugehörigkeit sei. Diese Interpretation hielt sich lange im Westen, ist jedoch völlig falsch.

Roter Faden

Ein anderes Zeichen ist der rote Faden, den Hindus ums Handgelenk gebunden haben. Am rechten Handgelenk bei Männern, am linken bei Frauen ist dieser Faden das Symbol, dass man auf den Segen der göttlichen Trias Brahma, Vishnu und Mahesh (ist eine andere Bezeichnung für Shiva) sowie ihrer Frauen Sarasvati, Lakshmi und Durga vertraut und sich ihres Beistandes versichert.

Achtsamkeit, Wohlstand, Stärke, Weisheit, Gelassenheit, das Fernbleiben aller schlechten Einflüsse sind einige der Auswirkungen dieses Segens.

Zu Beginn einer Gebetszeremonie wird unter Anrufung der Namen Gottes der Faden angebunden und bleibt solange, bis er abfällt. So kann es sein, dass mehrere Fäden – auch wenn sie optisch nicht mehr so schön sind – das Handgelenk zieren.

Wenn Ihnen vom Priester ein roter Faden umgebunden wird, tragen Sie ihn bitte über längere Zeit. Damit zeigen Sie, dass Sie die religiösen Gefühle respektieren und auf göttlichen Segen vertrauen.


Religion im indischen Businessalltag

Eigentlich wollten Sie den Geschäftsabschluss feiern und haben dazu schon den Champagner kalt stellen lassen. Allerdings kommt es bei Ihren Geschäftspartnern nicht gut an. Dabei hat alles so schön begonnen und jetzt sind Sie in ein kulturelles Fettnäpfchen getappt, bevorzugt man in Indien mehrheitlich nicht-alkoholische Getränke.

Religion ist in Indien sehr wichtig. Sie ist in der Öffentlichkeit sichtbar. Der Hinduismus, dessen verschiedenen Richtungen ca. 82% der Inder angehören, prägt die indische Kultur zutiefst. Kunst ist in Indien ursprünglich religiöse Kunst. Musik, Tanz, Architektur, Malerei und Bildhauerei z.B. dienen zur Freude der Götter.

Für säkular sozialisierte Menschen, die der Ansicht sind, dass Religion Privatsache ist,  sind sowohl die öffentliche Präsenz als auch das selbstverständlich demonstrierte religiöse Bekenntnis irritierend.

„Nichts für mich“, sagen sich viele aus der Welt des Managements und denken, dass all das ziemlich ausgefallen sei und getrost ignoriert werden könnte. Doch so einfach ist es keineswegs: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie über Ihre indischen Geschäftspartner in Kontakt mit gelebter Religion und praktizierter Spiritualität kommen und sich irgendwie damit arrangieren müssen.

Äußerst hilfreich ist es dabei, wenn Sie über Basiswissen verfügen und im Mit-Erleben vertiefen. Keine Angst: Niemand will Sie zu seiner Religion bekehren. Aber man möchte Sie ein wenig teilhaben lassen an dem, was einem wichtig und selbstverständlich ist. Entsprechend schätzen Ihre Geschäftspartner, wenn Sie an Zeremonien teilnehmen und Fragen stellen, was die Riten, Bräuche und Zeichen bedeuten.