Business Culture Indien

Interkulturelle Kompetenz ist der Schlüssel zu internationaler Unternehmensfitness


Arbeitsmarkt Indien: Talentsuche und Zukunftsbrachen

Eine Million Indern drängt Monat für Monat auf den Arbeitsmarkt. So die Statistik. Und das für die nächsten 20 Jahre. Quantität heißt aber noch lange nicht Qualität, stellen Unternehmen immer wieder fest. Selbst der Nachweis eines erfolgreich abgeschlossenen Studiums bedeutet nicht selbstverständlich, dass der- oder diejenige im Job gut ist und effizient arbeitet.

Talentpool: Sie Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen

Dass die demografische Dividende, von der Indien spricht – viele qualifizierte und ambitionierte junge Leute, die im Job durchstarten möchten – nicht automatisch zutrifft, machen nicht nur ausländische Unternehmen, sondern auch indische. Ihnen geht es nämlich nicht besser. Alle suchen nach Talenten und verlässlichen Mitarbeitenden.

„Keine Firma will für die Ausbildung der Mitarbeiter zahlen, gibt aber bereitwillig eine extra Prämie für gute Kenntnisse und Berufserfahrung. Auf der anderen Seite ist es für Arbeitssuchende sehr schwierig, Kredite für Aus- und Weiterbildung zu bekommen. Um sich zu qualifizieren nehmen sie kein Geld in die Hand, zahlen aber, um einen Job zu bekommen“. Mit diesem markanten Statement fasst Manish Sabharwal von TeamLease die Situation zusammen.

Trained candidates – Eine Rarität

Beim Business Breakfast, zu dem ein renommiertes indisches Wirtschaftsmagazin nach Bangalore geladen hat, sprachen die CEOs und Personalvermittler Klartext.

„So gut wie wir immer tun, steht es nicht um unseren Talentpool. Dass wir in Indien viele junge Leute haben, ist eben nicht genug. Wir müssen sie auch fit für den Job machen. Außerdem müssen wir ein positives Bild von Facharbeitern vermitteln. Nicht jeder kann im Büro arbeiten. Wir brauchen Leute, die in den Fabriken an Maschinen arbeiten. Das wird oftmals als niedrige Arbeit angesehen, die niemand machen will. Dieses tiefsitzende Denken müssen wir überwinden.“ 

Rolle rückwärts: Der Sprung ins Industriezeitalter

„Make in India“, heißt die Kampagne der indischen Regierung. Denn Indiens Wirtschaft braucht dringend mehr industrielle Fertigung, um zu wachsen. „Nur so kommen wir voran und können vielen Menschen einen adäquaten Arbeitsplatz mit einem attraktiven Gehalt bieten. Fabriken zu bauen ist mit viel Schwierigkeiten verbunden: Landakquise, der Aufbau der Infrastruktur, die Bürokratie. Es gleicht einem Hindernislauf. Deshalb verlieren viele den Mut“, sagt Aromar Revi vom Indian Institute for Human Settlements.

Indien ist von einer Agrarkultur mit einem hohen informellen Sektor gleich in den dritten Sektor der Dienstleistungen gesprungen: IT und Callcenter sind dafür die Signalworte. Nun ist gewissermaßen die Rolle rückwärts angesagt. Vom tertiären in den sekundären, von der Dienstleistung zur industriellen Fertigung.

New avenues: Zukunftsbranchen

Arbeitsplätze müssen auch in der Fläche geschaffen werden. „Es muss Industrieansiedelungen auch in kleineren Städten geben. Potenzial sehe ich für die Zukunft vor allem im Bereich von Elektrogeräten. Warum sollen wir nicht anfangen, für unseren eigenen Markt im eigenen Land zu produzieren. Die Nachfrage nach TV-Geräten, Kühlschränken, Gefriertruhen, ACs, Mikrowellen, Toastern, Waschmaschinen usw. ist riesig. Wenn wir es versäumen, in diesen Bereich zu investieren, dann müssen wir 2025 Elektrogeräte im Wert von 300 Milliarden US-$ importieren. Das ist dreimal so viel wie unser derzeitiger IT-Markt. Wann legen wir endlich los?“, fragt Sanjay Nayak von Tejas Networks.

Sanjay Murdeshwar von AstraZeneca Pharma sieht große Wachstumschancen in der Pharmabranche. „In den nächsten Jahren laufen viele Patente aus. Indien ist derzeit schon der größte Generikahersteller. Wir könnten viele Medikamente von Indien aus für den Weltmarkt herstellen. Dazu brauchen wir qualifiziertes Personal. Nicht nur in der Forschung und im Labor, sondern vor allem auch in der Herstellung der Pharmazeutika, der Verpackung, im Marketing und im Versand. Das sind sichere und attraktive Arbeitsplätze, für die wir Menschen mit ganz unterschiedlichen Fertigkeiten brauchen.“

Elektrogeräte, Pharma, industrielle Fertigung, Tourismus und Hotellerie werden als Zukunftsbranchen benannt.

„Indien muss mehr bieten als nur IT“, stellt T.K. Kurien von Wipro kritisch fest. „Denn künftig werden einfache IT-Aufgaben automatisiert oder in Länder ausgelagert, die diese Dienstleistung billiger anbieten. Wir müssen uns breiter aufstellen.“