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Lese-Tipp: Delhi. Im Rausch des Geldes

„Mir wird klar, wie sehr mein Dasein inzwischen von der Enge meiner Wahlheimat bestimmt ist. Diese Metropole, in der alles riesig ist, bietet kaum Gelegenheit, weiter zu sehen als auf die andere Straßenseite. Alles ist verstellt. Die Augen verlernen es, auf Unendlich zu fokussieren.“

Ein Unendlich gibt es allerdings. Das unendlich viele Geld in den Händen der Superreichen Delhis, von denen dieses Buch erzählt. Es gibt einen spannenden und kurzweiligen Einblick in die Glitzerwelt der Multimillionäre der Hauptstadt. Gezählt wird in Dollar, nicht in Rupien.

Entstanden ist dieses Buch aus Interviews mit den Akteuren des Geldes. Den alten Geschäftsleuten, die es mit viel Know how, Disziplin, Sparsamkeit, dem Wertekodex des „ehrbaren indischen Kaufmanns“ und vor allem dem richtigen Gespür für gute Netzwerke und deren intensiver Pflege zu Millionen gebracht haben und den Erben dieser Imperien, auf denen der Anspruch lastet, aus dem vielen Geld noch unendlich viel mehr zu machen.

„Change keeps boring away“ – so der Werbeslogan für eine Shoppingmall in Delhi. Wenn auch sprachlich nicht korrekt, ist er doch typisch für die Welt der Superreichen. Der Unterschied zu den normal Reichen liegt darin, dass diese in den Malls nur shoppen, die Superreichen sie hingegen besitzen.

So funktioniert die Welt der Superreichen in Delhi

Schrille Partys mit viel Alkohol und Koks, Männerrunden in Fünf-Sterne-Hotels und Edel-Clubs, nächtliche Autorennen der jungen Geschäftsleute in ihren Lamborghinis und Bentleys im Diplomatenviertel, über die sich der frühere Premierminister Manmohan Singh mehrfach vergeblich beschwert hat, weil sie seine nächtlich Ruhe stören, Beziehungspflege, die unter anderem mit gut gefüllten Geldkoffern erfolgt und die Möglichkeiten derer, die sich alles leisten können, ohne auch nur einen Handstrich zu arbeiten.

Dasgupa erzählt feinsinnig und hintergründig von der täglichen Langeweile, die er erlebt hat, der Öde in den Super-Luxus-Villen voll mit exklusiven Designer-Interieurs und bisweilen geschmackloser Opulenz, den gescheiterten Ehen und zerbrochenen Familien, dem Druck, sich vor dem mächtigen Familienclan als erfolgreich zu beweisen, den Ängsten und schlaflosen Nächten, die die tägliche Risikobereitschaft begleiten, Millionen zu investieren und sie eventuell zu verlieren, und den Eskapaden, all dem zu entkommen.

Zum alten Geldadel Delhis kommen die neuen Reichen, die durch Tricks und Gaunereien ein Stück vom Kuchen abhaben möchten. Die vielen Staatsbeamten zum Beispiel, die man braucht, um die Deals in großem Stil schnell und reibungslos abzuwickeln. Die über Insiderwissen verfügen und das bereitwillig gegen eine kleine Beteiligung am Erfolg verraten: sei es die Gewinnziffer bei einer Lotterie vor ihrer offiziellen Bekanntgabe, so dass Mittelsmänner im ganzen Land noch schnell alle Lose mit dieser Endziffer aufkaufen und damit einen Reibach machen, sei es die Bebauungsordnung, aus der hervorgeht, welche Grundstücke demnächst Bauland werden.

Geschmiert werden müssen auch die Polizisten, die gerne ein Auge zudrücken, dafür aber die Hand aufhalten, wenn gegen geltendes Recht verstoßen wurde. Ein Glied fügt sich in dieser Kette geschmeidig an das andere. Nur so ist zu erklären, dass brutale Schlägereien und Schießereien in angesagten Bars, Gewalt an Prostituierten und Verkehrsdelikte der reichen Jungs stillschweigend unter den Teppich gekehrt werden.

Das System funktioniert und viele der jungen Leute, die aus einflussreicher Familie kommen, geben ungeniert damit an: „Ein Anruf meines Vaters genügt und…“ Tatsächlich, meist reicht er und regelt alles.

Die ultimative Formel des Erfolgs – Vitamin B

Es gibt ganz unterschiedliche Strategien, die hinter dem Erfolg der Reichen stehen: Harte Arbeit, Disziplin, Sparsamkeit, den richtigen Riecher für ein gewinnträchtiges Geschäft, ein stattliches Vermögen und der entsprechende Name, der kreditwürdig macht, dicke Schwarzgeldkonten, die das Geschäft am Laufen halten, unerbittliche Rücksichtslosigkeit gegenüber den Habenichtsen, auf deren Kosten mein Gewinn geht. Für alles gibt es hinreichende Beispiele in diesem Buch.

Vor allem aber zählt eines, die richtige community, das gute Netzwerk, das brisantes Wissen kommuniziert. Gepflegt mit 100en von Partys, Einladungen für dies und das, dem Erweis gegenseitiger Nettigkeiten….

Wichtig ist, wer wen kennt, der wiederum einen anderen kennt, der wichtig ist. Netzwerken und Beziehungspflege ist in der Welt der Superreichen alles. Insiderwissen geteilt in der eigenen Community. Kooperationen, um das richtig große Geld zu machen. Dasgupta bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Ich netzwerke, also bin ich“.

Was sonst noch zum Erfolg der Superreichen gehört und wie aus viel noch mehr wird, können Sie in Rana Dasguptas sehr empfehlenswertem Buch „Delhi. Im Rausch des Geldes“ nachlesen. Bravourös erzählt, differenziert, hintergründig. Ein Buch, das neugierig macht und zum Nachdenken anregt. Teils provokant mit ganz eigenen Thesen über das Wesen und den Lifestyle des nordindischen Mannes und in jedem Fall eine Steilvorlage für alle, die mehr über die indische Kultur heute lernen möchten und erfahren wollen, wie superreich in Delhi so lebt. Doch Vorsicht: Das Lesen dieses Buches erfordert einen Invest in Zeit. Nichts zum Überblättern und mal eben schnell Hineinschnuppern im Flieger.

Hervorragend übersetzt aus dem Englischen von Barbara Heller und Rudolf Hermstein, erschienen bei Suhrkamp. ISBN 978-3-518-42457-5

Preis: 24,95 €