Business Culture Indien

Interkulturelle Kompetenz ist der Schlüssel zu internationaler Unternehmensfitness


Voll angesagt: Auswärts Essen

Der Klassiker von einst!

Indien war immer etwas speziell, wenn es darum geht, Essen zu sich zu nehmen, das andere Leute gekocht haben. Wer weiß, was die so rein tun? Ob die wirklich sauber sind? Ob das Essen rein ist. Das heißt: den vielen religiösen Vorschriften gemäß zubereitet. Außerdem war es wichtig, dass Angehörige höherer Kasten, vor allem Brahmanen, nichts von dem zu sich nehmen, was Dalits (= Kastenlose, Unberührbare, Mahatma Gandhi nannte sie „Harijans“ – Kinder Gottes) kochten. Sie wären sonst unrein geworden. Skepsis und Misstrauen dominierten also. Überhaupt hieß es ganz praktisch: Zuhause schmeckt es am besten. Da weiß man, was man hat.

Eating out – the new definition of fun

Diese Zeiten scheinen nun endgültig vorbei. Auswärts zu Essen ist absolut im Trend. Vor allem in den Städten. Wer einen guten Job hat, kann es sich nicht nur leisten, in einem Restaurant Essen zu gehen, sondern genießt auch, dass andere die Arbeit für ihn erledigen. So bleibt Zeit, sich ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren: Das Treffen mit Freunden, das gute Gespräch. Sich zum Essen zu verabreden, ist heute also angesagt.

Außerdem, so die „Foodies“, ist für jeden Geschmack etwas dabei. Man kann bestellen, wonach einem der Sinn ist. Vegetarisch oder doch etwas mit Fleisch. Die Vielfalt kennt keine Grenzen, zumal in den Städten Indiens inzwischen ganz unterschiedliche kulinarische Köstlichkeiten angeboten werden: Chinesisch ebenso wie mediterrane Küche, Burger und Sandwiches ebenso wie Pizza, Fastfoodketten wie Gourmet-Restaurants.

Eat healthy

Wenn auch die indische Mittelschicht vielfach gerade dabei ist, Rettungsringe und Hüftspeck anzusetzen, bricht sich ein neuer Trend die Bahn: Gesundes Essen. Die Zeitungen informieren nicht nur über gesundes Essen, sondern sind voll mit Rezepten über grüne Smoothies zum Beispiel und unterschiedlichste raffinierte Arten, Gemüse zuzubereiten. Avocados sind der Renner. „Low carb, low fat“ heißt die Devise.

Die Mutter meiner indischen Freundin, eine fortschrittliche Powerfrau der indischen Oberschicht, die sich von nichts und niemandem klein kriegen ließ, konnte sich mit Salat so gar nicht anfreunden. „Das ist Futter für die Ziegen und Schafe! So was kann man doch nicht essen!“ Ihr Tochter baut heute ganz selbstverständlich Ruccula, Endiviensalat und Kopfsalat im eigenen Gemüsegarten an. Bio selbstverständlich!

Die Einstellung zum Essen hat sich geändert. Uns ist das, was in Indien gerade populär wird, vertraut. Auch wir laden unsere Familie und Freunde zum Essen in ein Restaurant ein. Zwei große Unterschiede fallen gleichwohl auf: Einmal beim Zahlen und das andere Mal, wo man Platz nimmt. Verwundert? Dann lesen Sie einfach weiter.

Getrennt oder zusammen

Zum ersten: NIE käme man in Indien auf die Idee, das Servicepersonal um getrennte Rechnungen zu bitten oder am Tisch dann umständlich ausrechnen zu lassen, wer denn nun wieviel zu zahlen hat. Getrennt  oder zusammen, ist keine Frage in Indien. Es zahlt immer einer. Nämlich der, der einlädt.

Draußen – nein danke

Zum zweiten: In Indien mag man nicht draußen Essen. Ein schattiger Platz auf einer Terrasse oder im Biergarten unterm Kastanienbaum ist aus indischer Sicht komplett verrückt. Wieso in der Hitze sitzen, sich von Moskitos umschwirren lassen, wenn es doch innen mit der AC so gemütlich ist?

Besonders deutlich wurde mir das, als ich Anjali, eine Studentin aus Delhi zu Besuch hatte. Ihr erstes Mal außerhalb Indiens. Wir besuchten mehrere Städte in Deutschland und gingen ganz selbstverständlich auch zum Essen. Es war Juni und das Wetter war fantastisch. Für deutsche Verhältnisse. Die Straßencafés waren voll, jeder Platz im Biergarten besetzt. Wer draußen sitzen konnte, war glücklich.

Außer Anjali. Wenn ich ihr die Platzwahl überließ, landeten wir drinnen. Finster und stickig. Sie happy, ich nicht. Setzte ich mich durch und ergatterte einen Platz im Freien, hieß es: „These crazy Germans!“ Sie postete die Fotos von „im Freien sitzen und essen“ sofort in Facebook und sorgte bei ihren Freundinnen für komplette Verwirrung. Wie kann man nur? Völlig bescheuert.

Ob sich der Indian Mindset da noch ändern wird?

 

 


Ein Kommentar

Hier wird Indiens Zukunft gemacht – Narlanda: Zentrum der Exzellenz

Indische Jugend – sehr selbstbewusst

„Wie ist dein Wlan-Passwort“, fragt mich Anjali. Das ist der erste Satz, nachdem sie meine Wohnung betreten hat. Ein Langstreckenflug liegt hinter ihr. Das erste Mal ist sie in Deutschland, ja im Ausland überhaupt.

Sie ist 21, studiert Politikwissenschaften in Delhi. Den BA hat sie bereits in der Tasche. Sie studiert auf Master und will später in den indischen Staatsdienst. Viele schwierige Prüfungen stehen ihr noch bevor. Denn solche Jobs sind begehrt. Nur die besten schaffen es. Fleißig ist sie, ehrgeizig und ambitioniert: In ihrem LinkedIn-Profil steht unter der Berufsbezeichnung nicht etwas Studentin, sondern: „A diplomat in making!“

Anjali genießt ihre zwei Wochen in Deutschland. Ich erlebe, wie die indische Jugend tickt. Selfies ohne Ende, sogar aus der Umkleidekabine heraus. Die Klamotten und Schuhe werden anprobiert, fotografiert und per whats app sogleich nach Indien geschickt, wo ihre Freundinnen einen Kommentar abgeben. „Must have!“ oder „O Gott, geht gar nicht!“ Ich bin überrascht und merke, wie alt ich doch bin. Aber Selbstmitleid beiseite: Was habe ich gelernt?

Indiens Jugend ist stets connected! Mit der community werden die Neuigkeiten ausgetauscht und die Enttäuschung ist groß, wenn die Antwort mal eine halbe Stunde auf sich warten lässt. Mit dieser Impression verbindet sich Indiens Zeitgeist: Schnell muss es gehen. Indien will an die Spitze und zwar mit Vollgas. Da passt es, dass ein Stück großartiger Vergangenheit jetzt eine prächtige Zukunft hat: Narlanda wurde 2016 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt!

Was noch nie gehört? Dann wird es aber Zeit:

Noch vor Cambridge, Oxford und Harvard gab es Narlanda. Ein Zentrum der Exzellenz für Mathematik, Philosophie, Literatur und Buddhismus-Studien. Ein Hort der Wissenschaft und der Weisheit für mehr als 800 Jahre. Die besten Gelehrten der damals bekannten Welt unterrichteten hier, ehe die Elite-Universität gegen Ende des 12. Jahrhunderts zerstört wurde. Das war die Zeit, in der sich das Zentrum der Wissenschaft von Ost nach West verlagerte und in Europa große Universitäten entstanden.

Narlanda liegt gleich in der Nähe von Rajgir  (ca. 100 km entfernt von Patna) in Bihar, einem der heute eher strukturschwachen Bundesstaaten Indiens. 2010 hat die indische Regierung beschlossen, an den Glanz der vergangenen Zeiten anzuknüpfen und Narlanda wieder aufzubauen als das, was dieser Ort einmal war: ein Zentrum der Exzellenz und ein Magnet für die Gelehrten aus der ganzen Welt.

The rebirth: Die Besten der Besten

Nobelpreisträger Amartya Sen hat zusammen mit einem internationalen Team die Leitung dieses ambitionierten Projekts.

„Für mich geht ein Traum in Erfüllung. Als Kind stand ich zusammen mit meinem Großvater vor den Ruinen der Universität und dachte, wie es wohl wäre, wenn dieser Ort der Wissenschaften wieder zum Leben erwachen würde“, erzählt er begeistert.

2014 werden die ersten Studierenden unterrichtet. 15 Stück, die Besten der Besten. Harte Prüfungen mussten sie absolvieren. 1000 Bewerbungen aus 40 Ländern gingen ein. Darunter auch aus Deutschland und Österreich.

Ein ganz kleiner Anfang in nur einem Gebäude, nahe bei den Ruinen der einstigen Elite-Universität. Geschichte und Umweltwissenschaften sollen die ersten Disziplinen sein, die man hier studieren kann. Die Fertigstellung des Campus ist für 2021/22 geplant. Dann soll in sieben Fakultäten unterrichtet werden. Wie in früheren Zeiten sind das interdisziplinäre Arbeiten und der Blick über den akademischen Elfenbeinturm hinaus wichtig.

Wirtschaft, Nachhaltigkeitsmanagement, verschiedene Disziplinen aus dem Spektrum der Geisteswissenschaften und Kulturwissenschaften Asien werden dann im Lehrangebot. Postgraduiertenprogramme werden von Anfang an angeboten. Mehr als 300 hochkarätige ExpertInnen sollen hier lehren. Die Schwierigkeit im Wiederaufbau von Narlanda besteht darin, das historische Erbe mit den Anforderungen einer modernen Forschungs- und Lehreinrichtung zu verbinden. 3,5 Milliarden € wird es Minimum kosten, die sieben Fakultäten zu errichten.

The Asian mindset – Narlanda ein Synonym für Elite made in Asia

Eine gewaltige Summe, die Indien nicht alleine trägt. Für den Wiederaufbau stellen viele asiatische Länder gerne Fördermittel zur Verfügung. Denn: Narlanda steht für asiatische Exzellenz. Es war ein Zentrum der Wissenschaften in Asien und soll es wieder werden. Zuschüsse kommen von Australien, Neuseeland und Singapur. China beteiligt sich mit 1 Million US-$, damit eine China-Abteilung in der Bibliothek eingerichtet werden kann, Thailand fördert den Bau des Campus mit 100.000 US-$. Singapur baut die Bibliothek und Japan übernimmt den Ausbau der Infrastruktur rund um den Campus.

Finanzielle Unterstützung ist auch von den Unternehmen zu erwarten, die erkannt haben, welch wertvolles Gut Bildung ist.

East meets the world

„Narlanda war einer der großen Orte in der Kulturgeschichte. Dieses Erbe verpflichtet uns. Wir bauen eine Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft und machen Narlanda erneut zu einem Ort wissenschaftlicher Exzellenz und Innovation“, sagt Amartya Sen.

Von der Uni wird der ganze Bundesstaat profitieren. Geplant sind ein IT-Park, die Ansiedlung mehrerer ausgezeichneter Krankenhäuser und Fachkliniken, der Bau eines Konferenzzentrums mit erstklassiger Ausstattung für internationale Kongresse und ein internationaler Flughafen.

„Narlanda wieder aufzubauen ist ein gesamt-asiatisches Projekt. Es zeigt unsere Solidarität und unser Geschichtsbewusstsein für asiatische Exzellenz. Gewiss, es ist auch ein Beispiel für die herausragende Rolle Indiens in Asien“, sagt S.D. Muni von der Universität Singapur und ergänzt: „Wenn Asien wieder zur alten Stärke zurückfindet, werden das wirtschaftliche Wachstum und die politische Stabilität auch auf die intellektuelle Tatkraft zurückgehen. Narlanda ist ein Schritt in diese Richtung!“

 


Lese-Tipp: Delhi. Im Rausch des Geldes

„Mir wird klar, wie sehr mein Dasein inzwischen von der Enge meiner Wahlheimat bestimmt ist. Diese Metropole, in der alles riesig ist, bietet kaum Gelegenheit, weiter zu sehen als auf die andere Straßenseite. Alles ist verstellt. Die Augen verlernen es, auf Unendlich zu fokussieren.“

Ein Unendlich gibt es allerdings. Das unendlich viele Geld in den Händen der Superreichen Delhis, von denen dieses Buch erzählt. Es gibt einen spannenden und kurzweiligen Einblick in die Glitzerwelt der Multimillionäre der Hauptstadt. Gezählt wird in Dollar, nicht in Rupien.

Entstanden ist dieses Buch aus Interviews mit den Akteuren des Geldes. Den alten Geschäftsleuten, die es mit viel Know how, Disziplin, Sparsamkeit, dem Wertekodex des „ehrbaren indischen Kaufmanns“ und vor allem dem richtigen Gespür für gute Netzwerke und deren intensiver Pflege zu Millionen gebracht haben und den Erben dieser Imperien, auf denen der Anspruch lastet, aus dem vielen Geld noch unendlich viel mehr zu machen.

„Change keeps boring away“ – so der Werbeslogan für eine Shoppingmall in Delhi. Wenn auch sprachlich nicht korrekt, ist er doch typisch für die Welt der Superreichen. Der Unterschied zu den normal Reichen liegt darin, dass diese in den Malls nur shoppen, die Superreichen sie hingegen besitzen.

So funktioniert die Welt der Superreichen in Delhi

Schrille Partys mit viel Alkohol und Koks, Männerrunden in Fünf-Sterne-Hotels und Edel-Clubs, nächtliche Autorennen der jungen Geschäftsleute in ihren Lamborghinis und Bentleys im Diplomatenviertel, über die sich der frühere Premierminister Manmohan Singh mehrfach vergeblich beschwert hat, weil sie seine nächtlich Ruhe stören, Beziehungspflege, die unter anderem mit gut gefüllten Geldkoffern erfolgt und die Möglichkeiten derer, die sich alles leisten können, ohne auch nur einen Handstrich zu arbeiten.

Dasgupa erzählt feinsinnig und hintergründig von der täglichen Langeweile, die er erlebt hat, der Öde in den Super-Luxus-Villen voll mit exklusiven Designer-Interieurs und bisweilen geschmackloser Opulenz, den gescheiterten Ehen und zerbrochenen Familien, dem Druck, sich vor dem mächtigen Familienclan als erfolgreich zu beweisen, den Ängsten und schlaflosen Nächten, die die tägliche Risikobereitschaft begleiten, Millionen zu investieren und sie eventuell zu verlieren, und den Eskapaden, all dem zu entkommen.

Zum alten Geldadel Delhis kommen die neuen Reichen, die durch Tricks und Gaunereien ein Stück vom Kuchen abhaben möchten. Die vielen Staatsbeamten zum Beispiel, die man braucht, um die Deals in großem Stil schnell und reibungslos abzuwickeln. Die über Insiderwissen verfügen und das bereitwillig gegen eine kleine Beteiligung am Erfolg verraten: sei es die Gewinnziffer bei einer Lotterie vor ihrer offiziellen Bekanntgabe, so dass Mittelsmänner im ganzen Land noch schnell alle Lose mit dieser Endziffer aufkaufen und damit einen Reibach machen, sei es die Bebauungsordnung, aus der hervorgeht, welche Grundstücke demnächst Bauland werden.

Geschmiert werden müssen auch die Polizisten, die gerne ein Auge zudrücken, dafür aber die Hand aufhalten, wenn gegen geltendes Recht verstoßen wurde. Ein Glied fügt sich in dieser Kette geschmeidig an das andere. Nur so ist zu erklären, dass brutale Schlägereien und Schießereien in angesagten Bars, Gewalt an Prostituierten und Verkehrsdelikte der reichen Jungs stillschweigend unter den Teppich gekehrt werden.

Das System funktioniert und viele der jungen Leute, die aus einflussreicher Familie kommen, geben ungeniert damit an: „Ein Anruf meines Vaters genügt und…“ Tatsächlich, meist reicht er und regelt alles.

Die ultimative Formel des Erfolgs – Vitamin B

Es gibt ganz unterschiedliche Strategien, die hinter dem Erfolg der Reichen stehen: Harte Arbeit, Disziplin, Sparsamkeit, den richtigen Riecher für ein gewinnträchtiges Geschäft, ein stattliches Vermögen und der entsprechende Name, der kreditwürdig macht, dicke Schwarzgeldkonten, die das Geschäft am Laufen halten, unerbittliche Rücksichtslosigkeit gegenüber den Habenichtsen, auf deren Kosten mein Gewinn geht. Für alles gibt es hinreichende Beispiele in diesem Buch.

Vor allem aber zählt eines, die richtige community, das gute Netzwerk, das brisantes Wissen kommuniziert. Gepflegt mit 100en von Partys, Einladungen für dies und das, dem Erweis gegenseitiger Nettigkeiten….

Wichtig ist, wer wen kennt, der wiederum einen anderen kennt, der wichtig ist. Netzwerken und Beziehungspflege ist in der Welt der Superreichen alles. Insiderwissen geteilt in der eigenen Community. Kooperationen, um das richtig große Geld zu machen. Dasgupta bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Ich netzwerke, also bin ich“.

Was sonst noch zum Erfolg der Superreichen gehört und wie aus viel noch mehr wird, können Sie in Rana Dasguptas sehr empfehlenswertem Buch „Delhi. Im Rausch des Geldes“ nachlesen. Bravourös erzählt, differenziert, hintergründig. Ein Buch, das neugierig macht und zum Nachdenken anregt. Teils provokant mit ganz eigenen Thesen über das Wesen und den Lifestyle des nordindischen Mannes und in jedem Fall eine Steilvorlage für alle, die mehr über die indische Kultur heute lernen möchten und erfahren wollen, wie superreich in Delhi so lebt. Doch Vorsicht: Das Lesen dieses Buches erfordert einen Invest in Zeit. Nichts zum Überblättern und mal eben schnell Hineinschnuppern im Flieger.

Hervorragend übersetzt aus dem Englischen von Barbara Heller und Rudolf Hermstein, erschienen bei Suhrkamp. ISBN 978-3-518-42457-5

Preis: 24,95 €


Ein Kommentar

Die online-Dhabbawalas

Durch den Kinofilm „Lunchbox“ wurde Mumbais kultiges Dhabbawallah-System international bekannt. Dhabbawallahs sind die Kuriere, die mit Fahrrad, Bummelzug und Bus jeden Tag Zehntausende zuhause gekochte Essen im Henkelmann zuverlässig an die richtige Adresse in die Büros bringen. Fehlerquote nahezu null. Gemanagt mit einem ausgeklügelten System von Zahlen und Symbolen, aufgemalt auf die jeweilige Lunchbox.

Die Alternative zur Betriebskantine

Findige Köpfe haben sich nun online-Lieferservices einfallen lassen, die es den officewallahs möglich machen, bequem vom Büro aus übers Internet ein Gericht zu wählen, das von jemandem zuhause gekocht wird. Potluck Me in Mumbai ist berühmt für Gerichte ohne Konservierungsmittel, für Vollkornprodukte oder glutenfreie Kost. Bowlstoyou.com hat sich auf die Zubereitung von Salaten spezialisiert und liefert in Mumbais Büroviertel Bandra Kurla.

Beide online-Lieferdienste setzen auf die hohe Qualität ihrer Produkte und sprechen eine junge Zielgruppe an, die sich gesund ernähren möchte.

„Wir sind die frische Alternative zum Kantinenessen oder zum Fastfood. Unsere Kunden ernähren sich ganz bewusst gesund und möchten verschiedene Gerichte ausprobieren“, sagt Pinak Shah, einer der Gründer von Bowlstoyou.com.

„Gleich am ersten Tag hatten wir 45 Bestellungen für hausgemachte Vollkorn-Fettucine. Einer unserer Bestseller. Die Nachfrage nach allergenarmen Gerichten ist besonders groß“, sagt Rahkee Ghelani, Mitbegründer von Potulack Me. „Wir haben uns auf Gerichte spezialisiert, die es nirgends sonst in Mumbai gibt. Das macht uns einzigartig. Viele unserer Kunden haben die Gerichte irgendwann einmal im Ausland gegessen und möchten sie hier nicht missen.“

Gesund, frisch, vielfältig … kulinarische Highlights für den Büroalltag

Imly.in bietet cookies, Kuchen, Plunder und andere leckere Backwaren. Alles zubereitet von Hausfrauen, die Spaß haben am Backen. „Alles fing mit dem selbstgemachten Tamarinden Chuttney meiner Mutter an. Meine Freunde waren süchtig danach. Da kam uns die Idee, einen Lieferservice zu starten. Es gibt so viele Talente, die gerne kochen und backen. Für sie ist es eine echte Chance, andere mit ihren Produkten zu verwöhnen“, sagt Abhishek Singh.

„Wir bieten mit imly.in allen, die gerne und gut backen die Möglichkeit, Käufer für ihre Leckereien zu finden.“ Bake Box in Delhi hat sich auf Brownies und Tartes spezialisiert, Samaas.in bietet ausgefallene Spezialitäten aus den verschiedenen Landesteilen Indiens sowie internationale Küche und gibt die Möglichkeit, einfach mal was Neues auszuprobieren.

Und das Erfolgsrezept?

Der Erfolg dieser Lieferservices liegt in ihrer Spezialisierung und daran, dass alle Produkte „homemade“ und etwas ganz besonderes sind. Nicht tägliche Hausmannskost. Wer jetzt kritisch fragt, ob sich das denn rentiert, dem antworten die Inhaber von Delyver, dass sie mit 50 Gerichten pro Woche angefangen haben und nun 400 ausliefern. „Es wird schnell bekannt in der community, ob etwas gut ist und schmeckt. Die Kunden bewerten uns. Da kann man sich keinen Ausrutscher erlauben.“

Der Unterschied zu den Dhabbawallahs ist, dass die Kunden über die Homepages vom Büro das ordern können, worauf sie gerade Lust haben. Die Auswahl ist groß. Der Preis stimmt. Das Essen ist von bester Qualität. Denn die Köchinnen und Bäckerinnen, die die Speisen liebevoll zuhause zubereiten, geben ihr Bestes und wollen ihre Kunden glücklich machen.

Frauenpower – die neuen Entrepreneurs

Die Online-Dhabbawalas geben Frauen die Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten und Geld zu verdienen. „Viele Frauen sind jetzt Unternehmerinnen und haben Spaß an dem, was sie tun. Sie nutzen ihre Talente und lassen sie einem weiten Kreis zukommen. Ich habe das bei meiner Mutter gesehen und ihren Freundinnen, die gleich mit ins Business einstiegen“, sagt Abhishek Singh.


Indien – das neue China?

Drache versus Tiger – Wer gewinnt den Wettstreit? China oder Indien? Dabei schien klar, dass China als „Werkbank der Welt“ eindeutiger Sieger im Bereich der industriellen Fertigung ist und Indien vor allem im Dienstleistungsbereich punktet.

„Make in India“, die Wirtschaftsoffensive der Modi-Regierung verändert das Bild. So eindeutig scheint es jedoch nicht so sein. Denn zumindest für einige Branchen ist Indien ein attraktiver Standort für Manufacturing. Indische Firmen, die in China produzieren ließen oder Komponenten von dort bezogen, bauen eigene Fabriken in Indien. Chinesische Firmen verlagern ihre Produktion nach Indien. Japanische Unternehmen lassen im großen Stil in Indien fertigen. Was ist geschehen?

Hohe Kosten in China und Devisenvorteil Indien

Chinas Löhne steigen. Entsprechend ziehen die Preise für chinesische Waren an. „Wir hatten einige Jahre sehr stabile Preise und importierten Standventilatoren aus China. Das war für uns günstiger als sie selbst herzustellen“, sagt Sunil Sikka von Harvell. „Dann aber haben die Chinesen drei Jahre hintereinander die Preise um je 20% erhöht. Für uns war das nicht mehr hinzunehmen. Enough is enough! So entschieden wir uns, die Standventilatoren in Haridwar zu produzieren, wo wir unsere Deckenventilatoren herstellen. Nun machen wir sie 10% günstiger als die Importware aus China.“

Godrej verfolgt dieselbe Strategie und verlagert die Produktion von Waschmaschinen und Klimaanlagen nach Indien. „Die Zeit dafür ist günstig, weil wir in Indien zu niedrigeren Kosten produzieren können. Außerdem spielt uns die schwache Rupie in die Hände. Importe sind sehr teuer. Da rechnet es sich nicht, in China herstellen zu lassen. Je eher wir die Gunst der Stunde nutzen, desto besser. Das verschafft Indiens Industrie Standortvorteile“, betont Adi Godrej und glaubt, dass dieser Trend noch die nächsten zwanzig Jahre anhält.

Back home – indische Unternehmen ziehen ihre Produktion aus China ab

Geschätzte 100 Millionen Arbeitsplätze wird China in den nächsten Jahren an andere Länder, die billiger produzieren, verlieren. Indien will ein großes Stück von diesem Kuchen bekommen. Besonders arbeitsintensive Branchen sind von diesem Trend betroffen. Für Textilien, Elektrogeräte und Spielzeuge sind die Arbeitskosten in China, vor allem in der Küstenregion, deutlich höher als in Indien.

Vinod Sharma, MD von Deki Electronics, einer Firma, die sich auf die Fertigung von Kondensatoren spezialisiert hat, gibt ein Beispiel: „In Noida (= im Speckgürtel der Hauptstadt Delhi) verdient ein Arbeiter in der Fertigung netto etwa 7.000 Rupien. Für den Arbeitgeber schlägt das monatlich mit 8.000-10.000 Rupien zu Buche. Umgerechnet 100 bis 125 €. In China muss ich mehr als das Doppelte rechnen. Von günstigen Bedingungen kann da nicht mehr die Rede sein.“

Deki Electronics, 1984 gegründet, wollte 2004/05 in Indien expandieren und entschied sich dann doch für einen Standort in China, weil indische Beamte, die für die Genehmigung zuständig waren, ungeniert Schmiergeld verlangten. „Das wollten wir nicht mitmachen und gingen nach Guangdong. Dort errichteten wir eine Fabrik, in der 1 Million Kondensatoren am Tag gefertigt werden können. Im vorletzten Jahr (= 2013) haben wir die Kapazität auf die Hälfte zurückgefahren und zugleich in Indien 100 neue Arbeitsplätze geschaffen. Wir stellen unsere Kondensatoren hier günstiger her.“

Bei der Fertigung von Smartphones hat nach wie vor China die Nase vorne. Der Kostenvorsprung liegt jedoch nur bei 2-3%. Micromax wollte sich nicht abhängig machen von China und baute in Rudrapur, Uttarakhand eine neue Fabrik, in der monatlich derzeit 100.000 Smartphones gefertigt werden. Die Kapazitätsgrenze liegt bei 600.000 Einheiten, was etwa 20% des derzeitigen Verkaufs beträgt. „Wir hoffen, dass wir in kurzer Zeit genauso effizient sind wie China. Zudem sparen wir die teure Einfuhr“, sagt Vikas Jain, der davon überzeugt ist, dass Indiens mehr als 850 Millionen Handybesitzer bald mehrheitlich auf die leistungsfähigen Smartphones umsteigen.

China lässt in Indien produzieren

Ja, Sie haben richtig gelesen. Es stimmt. Hier zwei Beispiele:

Pals Push, ein chinesisches Spielzeugunternehmen mit 10 Millionen US-$ Jahresumsatz, das unter anderem auch für Disney arbeitet, lässt vermehrt in Indien produzieren. In der Nähe von Chennai rattern 250 Nähmaschinen, in China die Hälfte. 400 Beschäftigte gibt es in der Produktionsstätte in Indien, 200 in China. Ende 2014 sollen in Indien 500-600 Nähmaschinen arbeiten.

„Für uns waren zwei Gründe maßgeblich, um uns in Indien anzusiedeln: Zum einen hat Indien eine große Binnennachfrage. Wir rechnen damit, dass sich unsere Spielsachen gut verkaufen. Zum anderen sparen wir ganz erheblich bei den Frachtkosten. Unsere Produkte werden hauptsächlich nach Europa und USA verschifft. Von Shanghai aus ist das fünf bis sieben Mal mehr als von Chennai aus. Insgesamt können wir mit 10-15% Kostenvorteil von Indien aus produzieren und den an die Kunden weitergeben“, sagt Geschäftsführerin Seema Nehra.

Haier, der chinesische Elektogeräte-Gigant, produziert bereits Waschmaschinen und Klimaanlagen in Indien. 2014 soll die Produktion von Wasserkochern gestartet werden. Jährlich verkauft Haier davon 85.000 Stück in Indien. Bisher sind alle aus China importiert. Das soll sich ändern.

Großaufträge aus Japan

Elektrogerätehersteller Dixon produziert von Dehradun aus und hat Großaufträge von Panasonic und Toshiba bekommen. Die japanischen Labels reduzieren ihre Investitionen in China aufgrund politischer Differenzen mit dem Nachbarn. Außerdem stärkt das indisch-japanische Handelsabkommen die bilaterale Zusammenarbeit. TV-Geräte, Flachbildschirme, DVD-Player, Waschmaschinen und andere Haushaltsgeräte verlassen in großen Stückzahlen die Fabrik. „Wir arbeiten auch für Godrej und den chinesischen Giganten Haier. Vor zwei Jahren produzierten wir 45.000 Fernseher und 10.000 Waschmaschinen pro Monat, jetzt sind es 100.000 TV-Geräte und 25.000 Waschmaschinen. Außerdem sind wir effizienter als China. Wir machen 7.000 DVD-Player am Tag mit nur 45 Arbeitern. Das schafft China nicht“, betont Sunil Vachani.

To keep the promise: „Make in India“

Damit Indien ein rundum attraktiver Standort für die industrielle Fertigung wird und im großen Stil neue Jobs generieren kann, muss vor allem die Infrastruktur stimmen. Der Wahlkampf 2014 wurde von Nahrendra Modi (BJP) mit dem Versprechen des wirtschaftlichen Aufschwungs gewonnen. Nun ist es Zeit, die Versprechen einzulösen. Worten müssen Taten folgen.