Business Culture Indien

Interkulturelle Kompetenz ist der Schlüssel zu internationaler Unternehmensfitness


Literaturtipp: Tor Farovik, Indien und seine tausend Gesichter

Geschichte verpackt in spannende Geschichten – das bietet Tor Faroviks Buch. Aufklärend, anregend, aufregend, anstoßend, aufrüttelnd erzählt mit Leidenschaft. Inhaltlich ein Schwergewicht, geschrieben mit faszinierender Leichtigkeit. Ein absolutes „must read“ für alle, die in Indien leben und arbeiten oder ganz einfach der indischen Mentalität etwas mehr auf die Spur kommen möchten.

Wer dieses Buch gelesen hat, ist näher an Indien, vertrauter mit Land und Leuten!

Ob der indische Kampf nach Unabhängigkeit, das oft schwierige friedliche Zusammenleben von Hindus und Muslimen, das allabendliche Spektakel des Einholens der Flagge an der indisch-pakistanischen Grenze, die pulsierende Frömmigkeit in Varanasi, das Rotlichtviertel in Mumbai, die Lebensweisheit der Asketen, die Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft inklusive Witwenverbrennung (ob freiwillig oder nicht) und und und. Wirtschaft, Soziales, Religiöses, Kulturelles, gesellschaftliche Brennpunkte – alles findet sich hier in eindrücklichen Geschichten verdichtet.

Lebendig und spannend öffnet sich ein Tor zur indischen Kultur.

Feinfühlig beobachtend, genau hinschauend, kritisch reflektierend, bisweilen verstörend, irritierend und überraschend erschließt sich mit jedem Kapitel Indien ein klein wenig mehr. Indien ist einzigartig. Vielfältig. Wenn es das eine gibt, gibt es ganz gewiss auch das Gegenteil dazu. Schade, dass das Buch nach 450 Seiten zu Ende ist. Es macht Lust auf mehr.

Jawaharlal Nehru, der erste indische Premierminister, sagte: „Ich habe versucht, Indien zu verstehen. Leider muss ich sagen, dass es mir nie gelungen ist.“ Seine Tochter Indira Gandhi meinte: „Wer Indien verstehen will, muss auf alle Vorurteile verzichten. Bloß keine Vergleiche! Indien ist anders.“

Dieses Buch hilft, Indien besser zu verstehen und ermöglicht es einem, eine Idee davon zu bekommen, wie Inder ticken. Ein wenig mehr Verstehen und sei es auch nur, um jenseits des scheinbar verstanden Geglaubten schon wieder auf die nächste Herausforderung zu stoßen und wieder einmal verblüfft und unverständig den Kopf zu schütteln. In der Hoffnung, dass sich irgendwann mal ein Aha-Erlebnis einstellt.

„Indien und seine tausend Gesichter“ ist definitiv Pflichtlektüre für alle, die Indien im Sinne einer Tiefenbohrung kennenlernen wollen. Spannender Lesegenuss und Wissensmehrung garantiert!

Alle, die mit Corporate India zu tun haben, gewinnen durch die kurzweilig erzählten Geschichten viel Hintergrundwissen, das sie geschickt ins Gespräch mit ihren Geschäftspartnern und KollegInnen einfließen lassen können. Damit sammeln sie wertvolle Pluspunkte für ein gelingendes Miteinander auf der Basis eines bessren, tiefgründigen Verstehens.

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Übrigens: Ich fand das Buch so klasse, dass ich unterm Gehen las und mich auf jede verspätete U-Bahn und jede rote Ampel freute, an der ich weiterlesen konnte.

Farovik, Indien und seine tausend Gesichter. Menschen, Mythen, Landschaften, München 4. Aufl. 2012 (445 Seiten). Der Preis: 14,99 €

ISBN 978-3-492-40282-8


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Die online-Dhabbawalas

Durch den Kinofilm „Lunchbox“ wurde Mumbais kultiges Dhabbawallah-System international bekannt. Dhabbawallahs sind die Kuriere, die mit Fahrrad, Bummelzug und Bus jeden Tag Zehntausende zuhause gekochte Essen im Henkelmann zuverlässig an die richtige Adresse in die Büros bringen. Fehlerquote nahezu null. Gemanagt mit einem ausgeklügelten System von Zahlen und Symbolen, aufgemalt auf die jeweilige Lunchbox.

Die Alternative zur Betriebskantine

Findige Köpfe haben sich nun online-Lieferservices einfallen lassen, die es den officewallahs möglich machen, bequem vom Büro aus übers Internet ein Gericht zu wählen, das von jemandem zuhause gekocht wird. Potluck Me in Mumbai ist berühmt für Gerichte ohne Konservierungsmittel, für Vollkornprodukte oder glutenfreie Kost. Bowlstoyou.com hat sich auf die Zubereitung von Salaten spezialisiert und liefert in Mumbais Büroviertel Bandra Kurla.

Beide online-Lieferdienste setzen auf die hohe Qualität ihrer Produkte und sprechen eine junge Zielgruppe an, die sich gesund ernähren möchte.

„Wir sind die frische Alternative zum Kantinenessen oder zum Fastfood. Unsere Kunden ernähren sich ganz bewusst gesund und möchten verschiedene Gerichte ausprobieren“, sagt Pinak Shah, einer der Gründer von Bowlstoyou.com.

„Gleich am ersten Tag hatten wir 45 Bestellungen für hausgemachte Vollkorn-Fettucine. Einer unserer Bestseller. Die Nachfrage nach allergenarmen Gerichten ist besonders groß“, sagt Rahkee Ghelani, Mitbegründer von Potulack Me. „Wir haben uns auf Gerichte spezialisiert, die es nirgends sonst in Mumbai gibt. Das macht uns einzigartig. Viele unserer Kunden haben die Gerichte irgendwann einmal im Ausland gegessen und möchten sie hier nicht missen.“

Gesund, frisch, vielfältig … kulinarische Highlights für den Büroalltag

Imly.in bietet cookies, Kuchen, Plunder und andere leckere Backwaren. Alles zubereitet von Hausfrauen, die Spaß haben am Backen. „Alles fing mit dem selbstgemachten Tamarinden Chuttney meiner Mutter an. Meine Freunde waren süchtig danach. Da kam uns die Idee, einen Lieferservice zu starten. Es gibt so viele Talente, die gerne kochen und backen. Für sie ist es eine echte Chance, andere mit ihren Produkten zu verwöhnen“, sagt Abhishek Singh.

„Wir bieten mit imly.in allen, die gerne und gut backen die Möglichkeit, Käufer für ihre Leckereien zu finden.“ Bake Box in Delhi hat sich auf Brownies und Tartes spezialisiert, Samaas.in bietet ausgefallene Spezialitäten aus den verschiedenen Landesteilen Indiens sowie internationale Küche und gibt die Möglichkeit, einfach mal was Neues auszuprobieren.

Und das Erfolgsrezept?

Der Erfolg dieser Lieferservices liegt in ihrer Spezialisierung und daran, dass alle Produkte „homemade“ und etwas ganz besonderes sind. Nicht tägliche Hausmannskost. Wer jetzt kritisch fragt, ob sich das denn rentiert, dem antworten die Inhaber von Delyver, dass sie mit 50 Gerichten pro Woche angefangen haben und nun 400 ausliefern. „Es wird schnell bekannt in der community, ob etwas gut ist und schmeckt. Die Kunden bewerten uns. Da kann man sich keinen Ausrutscher erlauben.“

Der Unterschied zu den Dhabbawallahs ist, dass die Kunden über die Homepages vom Büro das ordern können, worauf sie gerade Lust haben. Die Auswahl ist groß. Der Preis stimmt. Das Essen ist von bester Qualität. Denn die Köchinnen und Bäckerinnen, die die Speisen liebevoll zuhause zubereiten, geben ihr Bestes und wollen ihre Kunden glücklich machen.

Frauenpower – die neuen Entrepreneurs

Die Online-Dhabbawalas geben Frauen die Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten und Geld zu verdienen. „Viele Frauen sind jetzt Unternehmerinnen und haben Spaß an dem, was sie tun. Sie nutzen ihre Talente und lassen sie einem weiten Kreis zukommen. Ich habe das bei meiner Mutter gesehen und ihren Freundinnen, die gleich mit ins Business einstiegen“, sagt Abhishek Singh.


„Step in“ – Frauen gehen bei indischen Unternehmen in Führung

14% Frauen sind im Senior-Management. 66% aller indischen Unternehmen bieten Frauen flexible Arbeitsbedingungen. Diese beiden Zahlen laden ein, näher auf das Personalmanagement und die Rolle der Frauen in der indischen Wirtschaft hinzuschauen.

Heinz, der uns vor allem als Ketchup-Produzent bekannte amerikanische Nahrungsmittelhersteller, Colgate-Palmolive, Kellogg’s, Shell, Diageo – bekannt als Getränkehersteller u.a. von Guinness und Johnnie Walker – haben eines gemeinsam: ihre indischen Niederlassungen werden von Frauen geleitet.

Dazu kommt, dass vor allem der Bankensektor Frauen in Spitzenpositionen hat: Chanda Kochhar ist CEO der ICICI-Bank, Naina Lal Kidwal leitet HSBC India, Shikha Sharma ist Chefin der Axis-Bank, Arundhati Bhattacharya führt die State Bank of India, Vijayalakshmi Iyer steht an der Spitze der Bank of India, Shubhalakshmi Panse ist Vorstandsvorsitzende der Allahabad Bank und Archana Bhargava leitet die United Bank of India. Damit sind Anfang 2015 sieben Spitzenpositionen in der indischen Finanzwelt von Frauen besetzt.

Dieses Ergebnis lässt aufhorchen.

Was steht dahinter? Woher kommt es?

Wie nahezu überall auf der Welt und ihren patriarchalisch verfassten Gesellschaften gingen Frauen im Erwerbsleben zunächst „typischen“ weiblichen Berufen nach: Sie wurden Krankenschwester und Ärztin, Lehrerin, suchten sich eine Anstellung bei Behörden oder machten eine Banklehre. All das galt als sicheres Terrain für Frauen. Die Arbeitsfelder waren die Fortsetzung dessen, was sie klassischerweise zuhause taten: sich um die Familie kümmern, kranke Mitglieder versorgen, Kinder erziehen und das Geld zusammenhalten.

Mit der Zeit professionalisierten Frauen ihr Können, erwarben Expertise und sind heute aus dem Kontext der Erwerbsarbeit in Indien nicht mehr wegzudenken. Unternehmen gaben ihnen eine Chance, indem sie die Arbeitsbedingungen frauen- und familienfreundlicher gestalteten. So konnten immer mehr Frauen trotz und mit Familienzeit Karriere machen und irgendwann in die Spitzenpositionen kommen.

„Karriere zu machen, braucht Zeit“

Chanda Kochhar, seit vielen Jahren Chefin der ICICI-Bank, benennt als eine der förderlichen Bedingungen: „Frauen haben verstärkt vor 20 und 30 Jahren angefangen, ins Berufsleben einzusteigen und sind nach ihrer Familienzeit mit kleinen Kindern wieder an den Arbeitsplatz zurückgekehrt. Sie bringen jetzt viele Jahre Berufserfahrung mit, haben sich mit ihren Fähigkeiten und ihrem Können unentbehrlich gemacht, so dass sie in Spitzenpositionen kommen. Karriere braucht Zeit und ein Arbeitsklima, das die Familienphase berücksichtigt. Jetzt können wir die Saat, die vor so vielen Jahren ausgestreut wurde, ernten. Frauen sind an der Spitze angekommen.“

„Eine Chance geben und von den Vorzügen der Frauen profitieren“

Ganz wichtig ist, dass die Unternehmen Frauen an der Spitze wollen und dies entsprechend fördern. Naina Lal Kidwal hat selbst erfahren, dass ein Ruck durch das Denken in der Unternehmensleitung gehen muss. „Es braucht die Weichenstellung, dass wir Frauen tatsächlich an der Spitze gewollt sind. Wir haben einen anderen Führungsstil, wir sind aufmerksamer, stress-resistenter, uns ist es ein Anliegen, andere zu fördern, wir konzentrieren uns auf die Inhalte und wollen die Sache voranbringen. Diese und andere Vorzüge haben im Unternehmen überzeugt. Aber es dauerte seine Zeit, bis diese Eigenschaften und dieser Stil geschätzt werden konnten. Indische Firmen mussten das erst lernen und selbst positive Erfahrungen sammeln.“

Ein Ratschlag für alle Businessfrauen:

„Don’t drop out of workforce“, ist der Rat, den Abanti Sankaranarayanan, Chefin von Diageo India, allen Frauen gibt. „Es gibt Zeiten, in denen die Familie an oberster Priorität steht und das Engagement im Beruf zurückgefahren werden muss. Aber tut eins nicht: Hört niemals auf zu arbeiten. Bleibt an Bord. Nehmt für eine gewisse Zeit Jobs, die etwas weniger Verantwortung erfordern. Aber hört nicht auf, im Berufsleben zu stehen.“

Datenquelle: Grant Thornton’s International Business Report, Boston Consulting Group & Government of India


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Was verdient Mann und Frau in den indischen IT-Firmen?

Die IT-Branche ist das Gesicht des modernen Indiens. Gute Arbeit für wenig Geld. So war lange die Devise vieler Unternehmen, die in Indien programmieren ließen. Infosys, TCS und Wipro sind die großen einheimischen Player auf dem Markt. Traum-Arbeitgeber für hunderttausende talentierter Software-Ingenieure (m/w). Doch was wird in der Branche verdient?

Das Geheimnis ist gelüftet

359,25 Rupien (4,49 €) die Stunde im Durchschnitt für den Software-Ingenieur, 254,04 Rupien (3,17 €) für die Software-Ingenieurin – bei gleicher Berufserfahrung. Macht einen Gehaltsunterschied von 29% zwischen Mann und Frau. Das hat eine Studie im Auftrag von Monster.com (2014) gezeigt. Das Ergebnis überrascht selbst Branchenkenner. „Dass der Unterschied so deutlich ist, hätte ich nicht gedacht“, sagt Sanjay Modi, MD von monster.com.

Woran liegt es, dass Frauen knapp ein Drittel weniger verdienen?

Frauen werden weniger oft und weniger schnell befördert. Nur 36% der Frauen bekommen überhaupt eine Team- oder Abteilungsleitung, weil sie mehr familiäre Verpflichtungen haben. Haushalt, die Sorgen um die alt gewordenen Eltern, die Unterstützung von Familienangehöriger zählen ebenso dazu wie die Erziehung der Kinder.

„Die indische Gesellschaft erwartet, dass sich Frauen mehr in Sachen Familie engagieren. Das kostet Zeit. Der Job steht in diesen familienintensiven Phasen einfach an zweiter Stelle. Familie ist sozusagen der Karrierekiller Nr. 1“, erläutert Modi. „Viele Firmen bieten Frauen erst gar keine Führungspositionen an. Sie wollen jemanden, der 100% durchstarten kann und Gas gibt.“

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Frauen haben nach der Familienphase zudem weniger Chancen auf eine Gehaltserhöhung. Ihnen fehlen die Jahre im Beruf. „Während der Gehaltverhandlungen haben Frauen wenig, was sie als jobrelevante Erfahrung auf den Tisch legen können. In einer so schnelllebigen Branche verlieren Frauen schnell den Anschluss“, fasst Sanjay Modi die Studienergebnisse in Sachen gendergerechter Bezahlung zusammen.

Personalabteilungen interessieren sich sicherlich noch für zwei Ergebnisse:

  1. Berufsanfänger in der IT-Branche bringen es mit einer dreijährigen Berufserfahrung auf durchschnittlich 142,92 Rupien Stundenlohn. Das sind knapp 1,80€. Mit 10 Jahren Berufserfahrung beträgt der Stundenlohn rund 625,55 Rupien, umgerechnet 7,80 €. Ein starker Anstieg und insgesamt nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass es ein Hausangestellter, ein Gärtner oder Arbeiter im informellen Sektor, in dem die Mehrzahl der Inder beschäftigt ist, auf etwa 100-180 Rupien am Tag bringt.
  2. IT-Unternehmen, die ganz in ausländischer Hand sind, zahlen im Durchschnitt höhere Gehälter als ihre indischen Mitbewerber. Und 65% aller in der IT-Branche Beschäftigten arbeiten in Unternehmen mit mehr als 5000 Angestellten.

(Umrechnung: 80 Rupien = 1 Euro, Stand 2014)


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Was in Indien fehlt: Toiletten

Passiert in Amritsar, kann auch in jeder anderen indischen Stadt sein! Gerade komme ich aus der Stadt zurück. Auf dem kurzen Weg von 15 Minuten sah ich drei Männer, die nur wenig abgewandt von der Straße öffentlich pinkeln. Ein gewohnter Anblick. Wenige Tage zuvor las ich in der Zeitung, dass sechs Frauen zu ihren Eltern zurückkehrten, weil es in den Häusern, in die sie erst kürzlich eingeheiratet haben, keine Toiletten gibt. „Hier kann ich nicht bleiben!“

Der Premierminister ruft am Independence Day 15.8.2014 auf, in den Dörfern Toiletten zu bauen. Und jede Schule müsse WCs haben, getrennt für Jungs und Mädchen.

Fakt ist: Etwa die Hälfte der Inder hat kein WC zu Hause.

Im Abendprogramm mehrerer Fernsehkanäle läuft Reklame für hochwertige WC-Keramik und Armaturen. Die Toilette mit von Hand steuerbarem Wasserstrahl, damit der Nutzer maximale Sauberkeit erreicht und das in Indien als höchst unhygienisch verpönte Toilettenpapier vermeiden kann. Aus der Reiseliteratur wissen wir, dass die linke Hand nicht auf den Tisch gehört, weil sie für „the daily routine“ verwendet wird. Mit Wasser, ohne Papier.

Ein ganz menschliches Bedürfnis

Indien railway ist weltweit das größte open air-WC und wer immer kann, vermeidet den Toilettengang im Zug. Mädchen gehen nicht zu Schule, weil die Toilette fehlt. Millionen Inder gehen in die Felder, weil es in den Dörfern keine Sanitäranlagen gibt. Weder als Gemeinschaftsanlagen noch in den Häusern.

Weil es sich für Mädchen und Frauen nicht schickt, unter Tags dem natürlichen Bedürfnis der körperlichen Entleerung nachzugehen, bleibt ihnen dafür nur die Dämmerung. Einige der Vergewaltigungen, die in der letzten Zeit zur Anzeige gebracht wurden, spielten sich genau zu dieser Zeit ab, weil die Männer ihren Opfern auflauern.

Sanitation vs Salvation – eine Diskussion

In der Politik bricht immer wieder die Diskussion nach den Prioritäten auf. So widmete sich ein Symposium kürzlich der Frage „Sanitation versus salvation“. Das für unsere Ohren etwas ungewöhnliche Thema greift die Tatsache auf, dass viele Dörfer lieber einen Tempel bauen als Toiletten. Jairam Ramesh, unter UPA 2 Minister für ländliche Entwicklung, stellte im März 2014 fest, dass „etwa 60% aller Frauen die Felder oder den Straßenrand“ als WC nützen.

„Toiletten sollten uns genauso wichtig sein wie Kricket und Bollywood“, sagte der Minister. Madhya Pradeshs Chief Minister Shivraj Singh Chouhan betonte, dass Spiritualität und Toiletten Hand in Hand geben. „Es sollte keinen Wettstreit geben“. Dabei holt er sich argumentative Unterstützung bei seinem Vorgänger und politischen Gegenspieler Uma Bharti, der es auf den Punkt bringt: „Temples and toilets go together because mental and physical well-being are equally important!“

Warum das ganze Getue?

Der „No 1 and 2 job“ ist in Indien in ein komplexes Weltbild rund um (rituelle) Reinheit/Unreinheit eingebunden. Hier nur ein paar Notizen dazu:

Indien kennt die sogenannten Kastenlosen (= Dalits), d.h. Menschen, die angeblich aufgrund ihrer vorherigen Leben schlechtes karma angesammelt haben, so dass sie jetzt in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten stehen. Sie müssen die Jobs erledigen, die niemand anders tun will, weil sie als unrein gelten: Tiere schlachten, Leder gerben, Wäsche waschen und eben auch die Latrinen reinigen. Noch im zwanzigsten Jahrhundert – in manchen Teilen Indiens noch heute – gingen die Dalits als Latrinenreiniger von Haus zu Haus, um die Toiletten zu reinigen.

Auch wenn heute der Job als Latrinenreiniger (= bhangi) per Gesetz verboten ist und die Wasserspülung die Restebeseitigung erledigt, hat diese Tradition noch Nachwirkung, die auch Sie mitkriegen, wenn Sie in Indien sind: das Putzpersonal in Hotels und in den Firmen, die Reinigungskräfte an den Flughafentoiletten usw. sind sehr wahrscheinlich Dalits. Wenn Sie als Expat oder als indischer Geschäftsreisender schlechte Erfahrungen mit dreckigen Toiletten gemacht haben, wissen Sie jetzt warum: Vor Ihnen hat jemand die Toilette benutzt, der darauf hofft, dass ein anderer kommt, um den Dreck wegzumachen. Das sind in diesem Fall leider Sie.

Hinzu kommt, dass „die lower parts of the body“ in Indien tendenziell als minderwertig bewertet werden. Sie sind a) Sitz sexueller Lust, die im asketisch tickenden Indien eigentlich nur zur Fortpflanzung genutzt werden soll, und sind b) schmutzig wegen der Körperausscheidungen, die aus ihnen kommen. Schon wieder ein Grund mehr, sich schwer zu tun mit Toiletten.

Corporate Social Responsibility – eine Anregung für Ihr Engagement

Bauen Sie Toiletten!

Die fehlenden Toiletten sind in Indien  – wie Sie spätestens jetzt wissen – ein heikles Thema. Wenn Sie sich sozial engagieren möchten, überlegen Sie, ob der Bau von Sanitäranlagen zu Ihrer Unternehmenspolicy passt.

Falls Sie Schulen unterstützen, achten Sie doch einmal darauf, wie viele WCs es gibt. Lassen Sie sich bei Ihrem nächsten Besuch nicht nur den Lernfortschritt in den Klassenzimmern zeigen, sondern auch die Toiletten für Jungs und Mädchen. Wie ist ihr Zustand? Wie sauber sind sie? Bei der Schulleitung werden Sie mit diesem Besichtigungswunsch vermutlich Unverständnis auslösen. Aber Sie signalisieren, dass Ihnen als Sponsor sanitäre Anlagen in gutem Zustand wichtig sind.

Wenn Sie Ihre Produkte auch im ländlichen Indien vertreiben, könnten Sie zum Beispiel in Zusammenarbeit mit einer NGO den Bau von Toiletten in Dörfern übernehmen und die Sorgen um deren Unterhalt. Suchen Sie sich eine Initiative, die zu Ihrem Unternehmensprofil passt und lassen Sie sich beraten.

Vorbild sein: sofort handeln

PS: Drei Tage nach der Ansprache des Premierminister N. Modi zum Unabhängigkeitstag erklärte Tata Consultancy Services (TCS), ein Budget von 100 crore (= 125 Millionen Euro) stehe zur Verfügung, um in 10.000 Schule im Land Toiletten für Mädchen zu bauen. „The investment in school sanitation will help girls to participate in school education for a longer period of time and play a larger economic role in their communities“, so N. Chandrasekaran, der CEO von TCS.


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Fair and beautiful: Das Geschäft mit der hellen Haut

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste hier im Land?

In Indien lässt die Antwort nicht lange auf sich warten: Eine, die helle Haut hat. Hellhäutig ist absolut trendy. In fast jeder Hochzeitsannonce steht, dass die Braut „fair“ sein soll. Wer das von Natur aus nicht ist, hilft nach. Bleichcremes für die Massen oder eine Schönheits-OP mit den vielversprechenden Namen „The Vampire Facial“ oder „Diamond Dermabrasion“ für Leute mit einem dickeren Geldbeutel.

images Nach nur wenigen Tagen wird man schön: fair and lovely. 

Der Markt für schöne helle Haut liegt in Indien bei 1,2 Milliarden US-Dollar (2013), die Hälfte davon wird mit Bleichcremes eingenommen. Tendenz: Stark steigend. Für 2016 heißt die Prognose bei Bleichcremes: Die 1 Milliarde US-Dollar-Marke wird geknackt. Frauen wie Männer benutzen Bleichmittel, um ihren Teint aufzuhellen. Denn nur hell ist schön.

Und der letzte Schrei: Bleichcremes für den Intimbereich. Sie sollen die sexuelle Attraktivität der Partner steigern und eingeschlafenen Beziehungen zu mehr Glück verhelfen.

 

images Yami Gautam, Werbe-Ikone für fair and lovely-Bleichcreme

Fairness Jokes

Bollywood-Schönheiten sind die klassischen Werbe-Ikonen für helle Haut. Schauspielerin Yami Gautam zum Beispiel, dem indischen TV-Publikum aus Telenovelas bekannt, wirbt für „Fair and lovely“, den Marktführer bei Bleichcremes. Hergestellt von Hindustan Unilever. Auf Twitter gibt es eine ganze Reihe von Posts, die Kultstatus erreicht haben.

Ein paar zur Auswahl: „Yami Gautam fährt in der Nacht ohne Scheinwerfer. Denn ihre strahlend helle Haut genügt.“ „Edison hat die Glühbirne erfunden. Wir brauchen die nicht. Denn wir haben Yami Gautam.“ Und wem das noch nicht reicht, der erfährt: „Jeder Mensch hat zwei Sorten von Zellen. Die roten Blutzellen und die weißen Yami Gautam-Zellen.“

Helle Haut ist angesagt. Nicht nur bei den Stars und Sternchen. Sondern bei Jederfrau und Jedermann. Entsprechend groß war der Aufschrei, als die indisch-stämmige Nina Davulun 2013 zur „Miss Amerika“ gewählt wurde. Das kann doch nicht sein. Wie hässlich! „Bei uns hätte die keine Chance. Viel zu dunkel“, rief Indien empört.

Hartnäckig hält sich in Indien die Überzeugung, dass dunkelhäutige Menschen unfähig für romantische Gefühle sind. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass Schauspielerinnen hell geschminkt werden, wenn sie eine Frau aus besseren Kreisen darstellen sollen. Nandita Das sagte in einem Interview ganz offen, dass ihr eher dunkler Teint naturell bleiben kann, wenn sie eine Frau aus einem Slum zu spielen hat. Aufgehellt wird sie hingegen um ein Vielfaches, wenn sie eine Frau aus der Oberschicht darstellen soll.

Inzwischen grassiert eine richtige Obsession: Alle wollen so hell wie möglich sein. Braut und Bräutigam nützen alle möglichen Enhancement-Strategien, um sich aufzuhübschen, Job-Bewerber helfen mit Bleichcremes nach, um einen besseren Eindruck zu hinterlassen, an Colleges und Universitäten ist der Einsatz von Bleichmitteln ein muss.

Der Blick in die dunklen Tiefen der Seele

Für Psychologen versteckt sich hinter diesem gesellschaftlichen Zwang die tiefsitzende Überzeugung, dass heller mit besser und höherwertig gleichgesetzt wird.

Indien war über viele Jahrhunderte von hellhäutigen Herrschern besetzt, erst die Mogulkaiser, dann die Engländer. Diese Erfahrung prägt: Die herrschende Elite ist hellhäutig. Daran orientiert man sich, da will man hin. Die haben das, was man selbst nicht hat: helle Haut. Heute sind es die Bollywood-Schönheiten, die hellhäutig sind und verehrt werden. Aishwariya Rai, Katarina Kaif, John Abraham, Shahid Kapoor und natürlich Shah Rukh Khan – alle sind „fair and beautiful“.

 

images   Nandidta Das, indische Schauspielerin

Doch jetzt regt sich Protest. „Dark is beautiful“ heißt die Gegenbewegung, deren Aushängeschild Schauspielerin Nandita Das ist. „Ist es nicht diskriminierend, was wir hier betreiben? Wir empfinden unser natürliches Aussehen als hässlich und wollen partout um jeden Preis hell sein. Das ist krank im Kopf. Es ist doch egal, welche Hautfarbe jemand hat. Was macht das für einen Unterschied?“

Ärzte haben sich dieser Kampagne angeschlossen und betonen, dass eine gesunde Haut schön ist und nicht eine künstlich aufgehellte. Ob sie sich durchsetzen?

Weiß wie Vampire

Derzeit machen jedenfalls ihre Kollegen den großen Reibach, die den Teint ihrer Kunden aufhellen. „The Vampire Facial“, von allen gängigen OP-Techniken angeblich die, die am wenigsten Schmerzen verursacht, kostet etwa 3.000 -15.000 Rupien pro Sitzung. Etwa sechs Anwendungen sind nötig. Das sind mindestens 250 Euro. Wer Pech hat, das heißt von Natur aus dunkler ist, muss 1000 Euro Minimum investieren, um dem indischen Schönheitsideal zu entsprechen.

Spätestens jetzt wissen Businessfrauen aus dem Westen, warum ihnen immer wieder das Kompliment gemacht wird, wie toll sie aussehen. Strahlend hell, einfach schön! Wer sich in die Sonne legt und braun werden möchte, ist nach indischem Maßstab, schlicht und ergreifend verrückt.

 


Bankgeschäfte im ländlichen Indien

Die hypen Metropolen und die urbane Geschäftigkeit sind nur eine Facette Indiens. Und wie immer in diesem Land, es geht auch ganz anders. Das Leben hat eine andere Taktung in den etwa 600.000 Dörfern. Hier lebt die Mehrheit der 1,2 Milliarden Inder. Abhängig vom Monsun, der über die Ernte und damit ihr Einkommen entscheidet. Von „Landlust“ ist dabei wenig zu spüren. Die jungen Leute wollen in die Stadt und dort ihr Glück versuchen. Idylle Fehlanzeige.

Die Infrastruktur auf dem Land ist eher schlecht: Basics wie sauberes Wasser und Elektrizität gibt es nicht immer, die Schulen sind vollgestopft mit 50-60 Kinder in einer Klasse, die Unterrichtsqualität gering, Ärzte, Krankenschwestern und gar Krankenhäuser mit unter weit weg, die Verkehrsanbindung an die nächste Kleinstadt dürftig. Gleichwohl hat die Technik Einzug gehalten. Es gibt Mobilfunknetze, das Internet ist da. Das erleichtert vieles. So zum Beispiel die Bankgeschäfte.

Bluetooth macht es möglich

Auch wer kein Englisch kann, weiß was Bluetooth bedeutet. Das Leben wird einfacher damit.

Für Usha zum Beispiel, eine Kleinbäuerin so um die 60. Sie nutzt den Service der Bank regelmäßig und freut sich, wenn Mahesh, der „Bank correspondent“ jedoch Woche – bepackt mit Handy und biometrischem Scanner – vorbeikommt, um ihr von zu Hause aus ihre Bankgeschäfte zu ermöglichen. Mal zahlt sie ein paar hundert Rupien ein, mal hebt sie etwas ab. Je nach Bedarf. Alles sicher, übersichtlich und völlig transparent.

„Ich finde das sehr bequem. Früher musste ich ins nächste Dorf, wenn ich zur Bank wollte. Das bedeutete, dass ich die fast 10 km einfach entweder zu Fuß gehen oder mir eine Mitfahrgelegenheit organisieren musste. Dann hieß es Anstehen am Schalter. All das kostet Zeit. Ein halber Tag ging da vorbei wie nichts. Die Arbeit zu Hause und auf dem Feld blieb liegen. Ans Geld zu kommen ging ins Geld. Ich bin froh, dass das jetzt vorbei ist“, sagt sie erleichtert.

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„Auch Kleinvieh macht Mist“ – ein guter Zusatzverdienst

Aber auch für Mahesh, einen der bislang etwas mehr als 200.000 geschulten „Bank correspondents“ ist das Bankgeschäft von Tür zu Tür ein Vorteil. Er verdient pro Transaktion eine halbe Rupie. Das klingt nicht viel. Aber es kommt doch etwas zusammen. Mahesh arbeitet als Schreiner und macht den Bankjob am Feierabend oder am Sonntag, wenn die Werkstatt zu ist. „Da sind alle meine Kunden zu Hause. Sie freuen sich, wenn ich komme.“

Sein großes Vorbild ist Yadev, der schon länger im Geschäft ist und inzwischen über 7000 Kunden hat. Wenn jeder nur einmal im Monat eine Transaktion tätigt, sind das sichere 3500 Rupien. Gutes Geld, verdient in einem respektablen Job, der einen mit Menschen zusammenbringt.

Auch für Gita ist das Bankgeschäft zu einem stattlichen Zubrot geworden. Sie las die Annonce einer Bank in der Zeitung, besprach sich mit ihrem Mann und startete los. „Ich bekam eine Schulung. Alles wurde mir gründlich erklärt. Die Geräte sind leicht zu bedienen. In der Gruppe trainierten wir die Kundengespräche. Das hat mich selbstbewusst gemacht. Ich habe viele Frauen als Kundinnen. Die vertrauen mir. Ich bin dreimal die Woche in den Dörfern unterwegs. Die Zahl meiner Kunden ist stark gewachsen. Mir macht mein Job sehr viel Freude und es ist ein guter Nebenverdienst. So kann ich was für die Ausbildung meiner Kinder ansparen. Sie können später auf eine bessere Schule gehen“, sagt die zweifache Mutter.

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Ein stattliches Vermögen angespart – banking the unbanked

Wer geschäftstüchtig ist und unternehmerisch denkt, kann es als „Bank correspondent“ in rural India zu einem sehr guten Verdienst bringen. Die Kunst besteht darin, viele Kunden für die Idee elektronischer Bankgeschäfte zu begeistern. Das scheint manchen sehr leicht zu fallen. Denn der Erfolg ist beachtlich:

Nach Angaben der Reverse Bank of India gibt es im März 2013 über 8.12 Crore Sparkonten, die allein aufgrund des Haustürgeschäfts in den Dörfern eingerichtet wurden. Auf ihnen liegt ein Vermögen von 1,822 Crore Rupien. Wir übersetzen das in uns vertrautere Größenordnungen und staunen: 81 Millionen Sparkonten mit mehr als 2 Milliarden Euros (1 € = 84 Rs)!

Tendenz stark steigend!