Business Culture Indien

Interkulturelle Kompetenz ist der Schlüssel zu internationaler Unternehmensfitness


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Softdrinks in Indien

Zisch! Jetzt eine Cola mit viel Eis. Das tut gut und bringt den schlappen Kreislauf wieder in Schwung. Besonders an heißen Sommertagen.

„Denkste!“ Ruft man in Indien. „Zu viel Zucker, zu viele Kalorien. Das Zeug macht dick und ist ungesund. Wer will denn so was?“

Das Bewusstsein ändert sich rapide im Land mit der höchsten Zahl an Diabetikern weltweit.

Deshalb heißt es:

„Colas are not fashionable anymore!“

Coca Cola und PepsiCo verlieren in Indien in den letzten drei Jahren kontinuierlich Marktanteile. Die beiden Konzerne hatten es ohnehin nie leicht in Indien. Nachdem sie endlich mit erheblichem Einsatz und allen Tricks aus der Kiste der Marketingtools Fuß fassen konnten und den Markt unter sich aufgeteilt hatten, kehren ihnen die Verbraucher den Rücken zu. Diese haben nämlich keine Lust mehr auf Dickmacher.

Softdrinks auf Fruchtsaft- oder Milchbasis sind voll angesagt.

Wie kommt das?

  1. Das Bewusstsein, gesund zu essen und zu trinken, nimmt zu. Vorbei die Zeit, in der eine Tüte Chips und eine Cola zum Inbegriff dessen gehörte, was sich die Mittelschicht gerne als Snack gönnt. Zunehmend adipöse Kinder und Diabetes sind das Ergebnis.  Angesichts dieser Fakten fordert Arvind Subramanian, Chefberater der indischen Regierung in Sachen Wirtschaft, eine drastische Maßnahme: eine „sin tax“ mit 40%, um die Ursachen dieser Zivilisationskrankheiten zu bekämpfen.
  2. Dazu kommt, dass die Auswahl an Softdrinks heute viel größer ist und die Fangemeinde von kohlensäurehaltigen Getränken nicht ganz so groß ist wie in anderen Ländern.
  3. Überdies fällt ein dritter Faktor ins Gewicht: die Gruppe, in der Coca Cola und Pepsi noch wachsen könnten, die untere Mittelschicht, ist sehr preissensitiv. Für sie sind Sprudelgetränke, die seit 2015 mit einer extra Steuer von 3,5% belegt werden, nach wie vor ein Luxus, den man sich nur ab und zu leistet. Cola ist für sie wie Schokolade oder Kekse: Genuss pur, wenn man sie sich manchmal gönnt. Aber eben nicht notwendig fürs tägliche Überleben.
  4. Außerdem ist „homemade“ in Indien ziemlich angesagt. Lokale Getränkehersteller treffen den Geschmack der Verbraucher besser und haben kürzere Entscheidungswege als das in den Großkonzernen der Fall ist. Auch das spielt eine Rolle in einem Markt, wo jeden Sommer ungefähr 600 neue Getränke auf den Markt gebracht werden, wovon allerdings 90% die nächste Saison nicht erleben.

Was tun Coca Cola und Pepsi?

Zugegeben, geklagt wird auf hohem Niveau. Denn beide zusammen dominieren den Markt noch mit 55,7% (Euromonitor 2016). Das ärgerliche ist jedoch, dass sie in einem jährlich um knapp 10% wachsenden Markt auf der Verliererseite stehen.

Deshalb ergreifen sie zwei Maßnahmen.

Nummer 1: Das Cola weniger süß machen. Andere Süßmittel nutzen. Dabei geht aber der ursprüngliche Geschmack verloren, was auch wiederum dicht allen schmecken wird.

Nummer 2: groß mitspielen in der Liga der gesunden Getränke!

Gerade der zweite Punkt ist vielversprechend: Coca Cola brachte unlängst drei neue Getränke auf den Markt: Aquarius, ein kohlensäurehaltiges Getränk mit wenig Kalorien, Vio auf Milchbasis und Zico mit Kokoswasser. Maaza, ein Mangoschorle, zum Coca Cola-Konzern gehörend, boomt mit einem Marktanteil von 29,7%, während Pepsis Fruchtsaftmarke Tropicana zwar erfolgreich ist, aber gegenüber den einheimischen Akteuren noch Potenzial nach oben hat. Gute Aussichten, denn der Fruchtsaftmarkt in Indien ist im letzten Jahr (2016) um stattliche 16% gewachsen.

„Future is golden“ und das liegt vor allen an der Mango

Doch auch kohlensäurehaltige Getränke auf Fruchtsaftbasis haben ihren Markt. Hier mischen zunehmend lokale Marken auf: Parle Agro launchte Appy Fizz als neue Marke und produziert sehr erfolgreich Frooti Fizz, eine Sprudelvariante des Erfolgsprodukts Frooti mit mindestens 11% Mango-Fruchtfleich. Mango-goldgelb ist, so könnten wir sagen, das neue schwarz. Um mit den Farben der Softdrinks etwas zu spielen.

Das Fazit: Der Kunde ist König

Der Verbraucher experimentierfreudiger und gesundheitsbewusster. Zuckerhaltige Dickmacher sind „no longer the first choice“! Der Markt an Softgetränken in Indien wird vielfältiger und gesünder, kalorienreduzierter und fruchtiger. Säfte, Nektar, Schorle liegen voll im Trend. Milch mit Hafer oder auch Kokoswasser gemischt mit Früchten sind most fashionable.

Enjoy a healthy future. Seien Sie ruhig hipp, indem Sie die die trendigen Softdrinks bei Konferenzen und Geschäftsverhandlungen servieren. Cheers! Prosit! Zum Wohlsein!


Ein Kommentar

Erfolg durch Marktanpassung: Daikin Airconditioners

40 Grad plus. Buh, schwitz und trief! Glücklich, wer eine gut funktionierende Klimaanlage hat.

Im Büro ein must have. Privat noch immer der Traum von vielen: Eine Klimaanlage. Bibbern im Konferenzraum mit „chilligen“ 19 Grad, Schlafen bei angenehm kühlen Temperaturen, die AC im Auto bei vollem Gebläse auf max. 20 Grad, um dann nach dem Aussteigen gegen die Hitzewand anzukämpfen und mit beschlagenen Brillengläsern nach Orientierung zu suchen. Das ist das sommerliche Vergnügen in Indien.

Klimaanlagen sind in Indien „most wanted“. Das jährliche Wachstumspotenzial liegt bei mindestens 10%. Der Gewinn in der Branche: Minimum 16,500 crore (= 2,26 Mrd €). Da wollen viele ein Stück vom Kuchen haben: Voltas, LG, Samsung, Panasonic zum Beispiel und die japanische Premiummarke Daikin.

Anregungen zum Nachmachen

Doch der Weg, um im indischen Markt mit einem hochpreisigen Produkt Fuß zu fassen, war für Daikin äußerst steinig. Hier ein paar Meilensteine zum Erfolg:

Daikin produziert in Neemrana, 120 km von Delhi entfernt, täglich mehr 1.000 ACs, hauptsächlich für den Gebrauch zu Hause. 500.000 ACs verschiedener Typen können in der indischen Produktionsstätte pro Jahr gefertigt werden. Alle Komponenten werden in Indien gefertigt. Made in India funktioniert! Nur der Kompressor und die Kontrolleinheit werden aus Japan importiert.

Im Jahr 2000, als Daikin den Markteintritt in Indien realisierte, wurden alle Geräte als Fertigprodukte aus Japan eingeführt. Damals konnten und wollten sich nur wenige Superreiche die Luxusmarke leisten. Die Mehrheit sah nicht ein, warum man für kalte Luft so viel mehr zahlen soll, wenn es auch billiger geht.

Bald schon erkannte das Management, dass Indien sehr preissensibel ist.

„Gute Qualität bei niedrigerem Preis“, hieß fortan das Mantra bei Daikin.

Zugleich führte man ein breites Sortiment als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Anbietern ein: ACs und Kühlgeräte mit 0,75 t bis zu 2.700 t Leistung für den privaten und gewerblichen Bedarf. Dann folgte die Entscheidung, in Indien mit der Herstellung zu beginnen und immer mehr Komponenten von indischen Lieferanten zu beziehen. So konnte gewährleistet werden, dass der Preis niedrig bleibt, ohne Abstriche vom technischen Know how, das in den Geräten steckt, zu machen.

Ein weiterer Meilenstein zum Erfolg war die Entscheidung, in die Fläche zu gehen und dezentral sowohl Shops als auch Servicestellen aufzubauen. Die Zahl der Händler wuchs dadurch von ursprünglich 350 auf 1800. Zugleich investierte Daikin durch gezielte Werbung bei potenziellen Käufern in die Steigerung des Bekanntheitsgrades. Eine Umfrage zeigte nämlich, dass nur knapp mehr als 50% der Zielgruppe überhaupt von Daikin gehört hatte geschweige denn die Produktpalette kannte.

Innovation als Schlüssel zum Erfolg

Die konsequente Investition in die Herstellung energieeffizienter Geräte machte sich bezahlt. Für kleine Geräte mit hoher Leistung und wenig Verbrauch waren viele Käufer bereit, einen Preis zu zahlen, der 15% über dem der Mitbewerber liegt. Außerdem trägt zum Erfolg bei, dass Daikin in seinen Shops und Servicestellen mit Fachpersonal arbeitet, das für die verschiedenen Produkttypen speziell ausgebildet wurde. Das Tüpfchen auf dem I ist schließlich ein überzeugender After-Sale-Service.

„Anrufe müssen innerhalb von 11 Sekunden angenommen werden“, steht im Handbuch für das Servicepersonal, das auf Lösungsorientierung und Kundenfreundlichkeit geschult ist.

Was sich so selbstverständlich und leicht liest, war ein langer Weg und ist schwer erkämpft. „Try and error“ stand auf dem Programm, ständige Nachbesserung und Anpassung an die Vorlieben der indischen Kundschaft, die Bereitschaft, Fehler genau zu analysieren und aus ihnen zu lernen. Ebenso die Zähigkeit und der Wille, mit Qualität und Service ganz an die Spitze zu kommen.

Strategie zahlt sich aus – der Weg zum Erfolg

2009/2010 – also fast 10 Jahre nach Markteintritt – startete die Umsetzung des 150 seitigen Strategieplans „Vision 2015“, der von der indischen Niederlassung zusammen mit dem Mutterkonzern in Japan erarbeitet wurde. 34.000 Klimageräte wurden in diesem Geschäftsjahr verkauft. Der 7. Platz unter allen auf dem indischen Markt tätigen AC-Produzenten. 2012/2013 konnte Darkin eine Steigerung um den Faktor 12 erreichen. Das heißt rund 400.000 Geräte, die meisten davon für den privaten Bedarf. Der Gewinn stieg von 440 cr (= 60 Millionen Euro) auf über 2.200 cr (= 300 Millionen Euro). Daikin ist hinter Marktführer Voltas der zweit größte Hersteller von Klimaanlagen in Indien.

Für 2015 war das Ziel ausgegeben, die Nummer 1 in Indien zu werden. Daikin hat dieses bereits Ende 2014 erreicht.

Daikin hat den Beweis angetreten, dass höchste Qualität auch im preissensiblen Indien funktioniert. Lernen Sie aus den Erfolgsrezepten des japanischen Premiumherstellers für Klimaanlagen. Eine Geschichte, die Mut macht.

(Umrechnungskurs 1 Euro = 73 Rupien).


Eisgenuss für Schleckermäuler: Nachfrage nach Eiscreme wächst enorm in Indien

Bis vor kurzem warnte die Reiseliteratur für Indien vor dem Genuss von Speiseeis. „Finger weg, sonst werden Sie es bitter bereuen!“ Salmonellen- und bakterienverseucht sei das Eis. Ein verdorbener Magen noch das geringste Übel.

Also ließen wir uns auf unseren Geschäftsreisen nicht verführen. Wir wollten fit für unsere Verhandlungen bleiben.

Das hat sich geändert: Eiscreme-Parlors (= Eisdiele) sind in Indien in. Luxusmarken sind trendy. Mövenpick von Nestlé und Häagen-Dasz aus New York sind im Wettstreit mit indischen Speise-Eis-Produzenten. Kein Wunder, denn der Markt wächst jedes Jahr um knapp 20%. Punkten wollen alle mit ausgefallenen Sorten im hochpreisigen Gourmetbereich.

Probieren lohnt sich. Ich hab es getan und mein Eis schmeckte fantastisch!

Kreationen für den indischen Markt

Prabai’s Fresh & Naturelle Ice Creams aus Kalkutta beliefert ausschließlich Fünf-Sterne-Hotels und Restaurants der gehobenen Klasse. Die 2000 Liter Gourmeteis, die täglich produziert werden – zu Spitzenzeiten sind es 4000 Liter – finden reißenden Absatz. „Ohne künstliche Aromastoffe und ohne irgendwelchen Zusatz“ heißt das Motto von Fresh & Naturelle. „Unser Kakao, den wir verwenden, ist 100% Natur. Normalerweise wird er mit Laugen behandelt und verliert dabei seine Nährstoffe und die Effektivität, freie Radikale einzufangen. Nur 1% des auf dem Weltmarkt überhaupt erhältlichen Kakaos ist natürlich verarbeitet. Genau den wollen wir. Auch wenn es teuer ist. Aber es lohnt sich. Außerdem haben wir ausgefallene Sorten: Sandelholz, Japanischer Grüntee und süsses Paan“, sagt Kunal Pabrai.

Customizing ein absolutes Muss für Indien

„Die Nachfrage ist groß. Inder mögen es süß“, bemerkt Srinivas Kamath von Natural Ice Cream. „Wir wollen, dass unser Eis nicht nur gut schmeckt, sondern auch gesund ist. Deshalb verwenden wir beste Zutaten. Es gibt auch Nachfrage nach fettarmem Eis oder Eis, das weniger Zucker enthält. Wer das will, ist bei uns richtig. Wir haben aber auch Sorten, die es nur bei uns gibt. So machen wir Fruchteis mit dem Obst, was die Saison gerade bietet. Unser Sitapal-Eis zum Beispiel (Apfelsorte mit Vanillegeschmack) verkauft sich bestens. Wir kreieren anlassbezogen mit erlesenen Zutaten für die Festivitäten: Zum Gedenktag von Ganesha haben wir ein Eis mit Bananen, Kokos und Rosinen. Für ein anderes Fest machen wir eines mit Sesam und Erdnüssen. Dafür stehen die Leute dann Schlange.“

Die Verwendung bester und natürlicher Zutaten sowie die Kreation besonderer Sorten sind für das Luxussegment im indischen Eismarkt unverzichtbar. Da muss Nestlé mithalten: für die Saison 2014 gibt es exklusiv ein Sahneeis mit Masala Chai-Geschmack in die Eisdielen – bei Mövenpick heißen sie Boutique. Fruchtsorbets und Sorbet-Speiseeis-Kombinationen sind eine weitere Spezialität, die sich Nestlé für den indischen Markt einfallen ließ. Dazu werden einheimische Früchte der Saison verarbeitet.

Für die Eiscremehersteller in Indien ist es unverzichtbar, den indischen Geschmack ganz genau zu kennen und dafür etwas Außergewöhnliches zu erfinden. Auf Markenbekanntheit allein können sich Mövenpick und Häagen-Dasz nicht verlassen. Sie müssen sich der indischen Kundschaft anpassen und etwas Besonderes bieten.

Vom Glas Milch zum Eis – Weiterverarbeitung von Lebensmitteln im Trend

Doch der Aufwand lohnt: die letzten 5 Jahre ist der Markt für Speiseeis in Indien um jeweils knapp 20% gewachsen. 3.000 cr (= 3,74 Milliarden €) ist das Marktvolumen in der Saison 2013/2014. Im Durchschnitt isst jeder Inder heute 400 ml Eis pro Jahr. 1996 waren es nur 100 ml.

Dazu haben vor allem die veränderten Kosumgewohnheiten der mittleren und höheren Mittelschicht beigetragen. Sie kann es sich leisten, Geld für Eis auszugeben.

Zudem wächst die Zahl derer, die nicht das letzte Geld zusammenkratzen muss, um für die Kinder ein Glas Milch zu kaufen. Der Trend geht bei Lebensmitteln zu verarbeiteten Produkten. Die Produktpalette, die sich immer mehr Haushalte leisten können, erweitert sich: Von der Mango zum Mango-Softdrink, vom Glas Milch zum Eis, von Tomaten als Zutat bei indischen Gerichten zu Tomaten in Ketchup, Pasta, Pizza und Wraps.

Wo gibt es das Eis?

Vertrieben wird das Gourmeteis über die Fünf-Sterne-Hotels und die gehobene Gastronomie sowie über Eisdielen, die hauptsächlich als Franchise geführt werden.

Was kostet die Kugel?

Guter Geschmack kostet. Bei Fresh & Naturelle gibt es die Kugel für zwischen 39 und 79 Rupien (= 0,50 bis 1 €), Natural startet mit 40 Rupien (= 0,50). Mövenpick verlangt für eine Kugel 175 Rupien (= 2,20 €) und Häagen-Dasz nimmt 210 Rupien (= 2,60 €). Meist bleibt es nicht bei einer Kugel. Schließlich möchten die indischen Gourmets mehrere Sorten probieren.

Und die Zukunft?

Die Zukunft wird noch mehr Sorten bringen und die Nachfrage von low fett und less suggar bis hin zu rich dairy cream befriedigen. Hinzu kommt Greek style frozen yoghurt und Gelato. Indien – heute schon der größte Milchproduzent der Welt – wird in ein paar Jahren auch der größte Markt für Speiseeis sein.


Arbeitsmarkt Indien: Talentsuche und Zukunftsbrachen

Eine Million Indern drängt Monat für Monat auf den Arbeitsmarkt. So die Statistik. Und das für die nächsten 20 Jahre. Quantität heißt aber noch lange nicht Qualität, stellen Unternehmen immer wieder fest. Selbst der Nachweis eines erfolgreich abgeschlossenen Studiums bedeutet nicht selbstverständlich, dass der- oder diejenige im Job gut ist und effizient arbeitet.

Talentpool: Sie Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen

Dass die demografische Dividende, von der Indien spricht – viele qualifizierte und ambitionierte junge Leute, die im Job durchstarten möchten – nicht automatisch zutrifft, machen nicht nur ausländische Unternehmen, sondern auch indische. Ihnen geht es nämlich nicht besser. Alle suchen nach Talenten und verlässlichen Mitarbeitenden.

„Keine Firma will für die Ausbildung der Mitarbeiter zahlen, gibt aber bereitwillig eine extra Prämie für gute Kenntnisse und Berufserfahrung. Auf der anderen Seite ist es für Arbeitssuchende sehr schwierig, Kredite für Aus- und Weiterbildung zu bekommen. Um sich zu qualifizieren nehmen sie kein Geld in die Hand, zahlen aber, um einen Job zu bekommen“. Mit diesem markanten Statement fasst Manish Sabharwal von TeamLease die Situation zusammen.

Trained candidates – Eine Rarität

Beim Business Breakfast, zu dem ein renommiertes indisches Wirtschaftsmagazin nach Bangalore geladen hat, sprachen die CEOs und Personalvermittler Klartext.

„So gut wie wir immer tun, steht es nicht um unseren Talentpool. Dass wir in Indien viele junge Leute haben, ist eben nicht genug. Wir müssen sie auch fit für den Job machen. Außerdem müssen wir ein positives Bild von Facharbeitern vermitteln. Nicht jeder kann im Büro arbeiten. Wir brauchen Leute, die in den Fabriken an Maschinen arbeiten. Das wird oftmals als niedrige Arbeit angesehen, die niemand machen will. Dieses tiefsitzende Denken müssen wir überwinden.“ 

Rolle rückwärts: Der Sprung ins Industriezeitalter

„Make in India“, heißt die Kampagne der indischen Regierung. Denn Indiens Wirtschaft braucht dringend mehr industrielle Fertigung, um zu wachsen. „Nur so kommen wir voran und können vielen Menschen einen adäquaten Arbeitsplatz mit einem attraktiven Gehalt bieten. Fabriken zu bauen ist mit viel Schwierigkeiten verbunden: Landakquise, der Aufbau der Infrastruktur, die Bürokratie. Es gleicht einem Hindernislauf. Deshalb verlieren viele den Mut“, sagt Aromar Revi vom Indian Institute for Human Settlements.

Indien ist von einer Agrarkultur mit einem hohen informellen Sektor gleich in den dritten Sektor der Dienstleistungen gesprungen: IT und Callcenter sind dafür die Signalworte. Nun ist gewissermaßen die Rolle rückwärts angesagt. Vom tertiären in den sekundären, von der Dienstleistung zur industriellen Fertigung.

New avenues: Zukunftsbranchen

Arbeitsplätze müssen auch in der Fläche geschaffen werden. „Es muss Industrieansiedelungen auch in kleineren Städten geben. Potenzial sehe ich für die Zukunft vor allem im Bereich von Elektrogeräten. Warum sollen wir nicht anfangen, für unseren eigenen Markt im eigenen Land zu produzieren. Die Nachfrage nach TV-Geräten, Kühlschränken, Gefriertruhen, ACs, Mikrowellen, Toastern, Waschmaschinen usw. ist riesig. Wenn wir es versäumen, in diesen Bereich zu investieren, dann müssen wir 2025 Elektrogeräte im Wert von 300 Milliarden US-$ importieren. Das ist dreimal so viel wie unser derzeitiger IT-Markt. Wann legen wir endlich los?“, fragt Sanjay Nayak von Tejas Networks.

Sanjay Murdeshwar von AstraZeneca Pharma sieht große Wachstumschancen in der Pharmabranche. „In den nächsten Jahren laufen viele Patente aus. Indien ist derzeit schon der größte Generikahersteller. Wir könnten viele Medikamente von Indien aus für den Weltmarkt herstellen. Dazu brauchen wir qualifiziertes Personal. Nicht nur in der Forschung und im Labor, sondern vor allem auch in der Herstellung der Pharmazeutika, der Verpackung, im Marketing und im Versand. Das sind sichere und attraktive Arbeitsplätze, für die wir Menschen mit ganz unterschiedlichen Fertigkeiten brauchen.“

Elektrogeräte, Pharma, industrielle Fertigung, Tourismus und Hotellerie werden als Zukunftsbranchen benannt.

„Indien muss mehr bieten als nur IT“, stellt T.K. Kurien von Wipro kritisch fest. „Denn künftig werden einfache IT-Aufgaben automatisiert oder in Länder ausgelagert, die diese Dienstleistung billiger anbieten. Wir müssen uns breiter aufstellen.“


Erfolgsregeln in der indischen Geschäftswelt

Über die Marwaris und die Geheimnisse ihres wirtschaftlichen Erfolgs

Birla, Piramal, Goenka, Mittal, Seth – um nur einige Familien zu nennen, die in der indischen Wirtschaft ganz oben sind, haben eines gemeinsam: Sie gehören zur Milliarden schweren Community der Marwaris.

Nahezu zwei Drittel der indischen Milliardäre, die Forbes jedes Jahr listet, gehören zu einer der großen Businessfamilien. Nicht wenige davon zu den Marwaris, deren Erfolg legendär ist.

Wer sind die Marwaris und was ist das Rezept ihres Erfolgs?

Die Marwaris kommen aus West-Rajasthan, aus der Gegend um Shekawati. Das liegt in der Nähe der traditionellen Handelsroute Jaipur – Delhi. In der Vergangenheit wie heute eine der wichtigsten Handelswege in Indien. Sie dominierten den Handel in ganz Nord-Indien und siedelten sich bald in der Ganges-Yamuna Region an. Von dort gingen sie bald bis nach Bengalen. Der Bazaarhandel lag über viele Generationen ganz in den Händen der etwa 300.000 Familien großen Businesscommunity der Marwaris.

Sie handelten mit Jute, Opium, Baumwolle, Textilien und spekulierten an den Börsen. Sie waren die Bankiers der Herrscher und verliehen Geld. Man sagt ihnen in Indien nach, dass sie den siebten Sinn für ein gutes Geschäft hätten. Wo sie investieren, geht es selten schief. Die Marwaris waren lange Zeit sozusagen die Warren Buffets Indiens. Ihre Businesserfahrung sprach sich schnell herum. Sie bestimmten durchaus risikofreudig, wo es wirtschaftlich lang geht, wie das Sprichwort sagt: „You don’t want to compete against a Marwari!“

Fünf Schlüssel des Erfolgs in der indischen Businesscommunity

  1. Auf das Wort eines Kaufmanns muss Verlass sein. Sein Wort gilt. So auch bei den Marwaris. Vertrauen ist die Grundlage für gute Geschäfte. Was ein Marwari verspricht, das hält er zuverlässig ein (sakh = Vertrauen). So war es über Jahrhunderte lang in Indien üblich, bargeldlos zu zahlen. Gehandelt wurde über sog. Hundi, eine Art Scheck, mit dem der Verkäufer in jeder x-beliebigen indischen Stadt die unterzeichnete Summe abholen konnte, ohne das Risiko des Bargeldtransfers auf den langen Handelswegen zu haben.
  2. Der zweite Schlüssel zum Geschäftserfolg ist die Präsenz, man könnte auch sagen, die visibility, im Markt. Das geht ganz einfach. Jeden Tag sitzt der Händler in seinem Geschäft auf einer Matratze (= gaddi), die mit einem weißen Tuch überzogen ist. Das ist heute noch in den indischen Bazaars zu sehen. Von morgens bis Abends ist er da. Er redet mit den Leuten, verhandelt Preise, ist ansprechbar. Neben sich den wichtigsten Angestellten, den Bookkeeper, der alle Geschäfte detailliert notiert. Der Eigentümer arbeitet. Auch wenn er es sich leisten könnte, sich auf seinem Reichtum auszuruhen, wird er das nicht tun. Denn: „The footprint of the owner is the best fertilizer!“ Er geht mit gutem Beispiel voran und motiviert dadurch seine Angestellten. Seine Arbeit ist die Messlatte. Entsprechend auch der Führungsstil: „Delegate but monitor!“
  3. Die Marwaris verliesen Rajasthan, um Handel zu treiben. Wo sie hinkamen, errichteten sie ein Hotel, d.h. einen Schlaf- und Essensplatz, an dem man sich treffen konnte, um sich auszutauschen. Der Begriff dafür ist Basa. Eine Infobörse vom Feinsten. Hier wird networking betrieben, hier werden die neuesten Geschichten von den Handelswegen erzählt, über Trends geredet, Empfehlungen oder auch Warnungen ausgetauscht. Man ist unter sich. Marwaris halten zusammen trotz Wettbewerb. Neulinge konnten erste Erfahrungen sammeln und sich der Unterstützung der Businesscommunity sicher sein. Man kennt sich und hilft sich. So werden die Marwaris stark. Ganz opportun ist es auch, dass Geld zu Geld heiratet. Die Tochter eines reichen Marwaris zu heiraten, ist eine ganz unanstößige strategische Businessplanung.
  4. Innovationsmanagement ist der nächste Baustein für den Erfolg der Marwaris. Sie waren allen technischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, die ihnen halfen, den Handel zu optimieren. Dazu gehört auch die schnelle und zuverlässige Übermittlung von Nachrichten. Brieftauben flogen die Botschaften von einem zum anderen. Signalspiegel und ein entsprechender Übermittlungscode wurden benutzt und kurz nach ihrer Markteinführung bereits Telegrafen. Als erste über wichtige Informationen zu verfügen, ist ein Marktvorteil. Das erkannten die Händler schnell.
  5. Damit verwandt ist der fünfte Schlüssel zum Milliardenerfolg der Marwaris: Die Möglichkeiten nützen, die sich bieten und Ausschau nach neuen Möglichkeiten zu halten und sofort in die zu investieren. „Making lemonade out of lemons!“ Nütze die Gelegenheit. So liehen die Marwaris den Moghulkaisern genauso Geld wie den Maharajas, sie verbündeten sich mit den Engländern, um mit ihnen im Geschäft zu sein und sie sind heute Partner in vielen erfolgreichen Joint ventures. Denn sie haben etwas, was ausländische Firmen dingend brauchen, wenn sie in Indien Fuß fassen möchten: Wissen, Fähigkeiten, die nötige Infrastruktur inklusive Kapital und vor allem verlässliche Netzwerke.

           Hier gilt: Einfach nachmachen und der Erfolg ist Ihnen sicher!


Wie Ihre Mitarbeitenden und KollegInnen leben möchten: Wohnträume in Indien

Samstags gibt es in den indischen Zeitungen den Immobilienteil: Mohali, Chandigarh, Mysore, Guwahati, Vellore, Kochi, Bhopal, Coimbatore und weitere Städte sind gefragte Orte. Bauplätze sind dort eher rar. Vielmehr finden sich Anzeigen großer Baugesellschaften, die ganze Siedlungen aus dem Boden stampfen und die Appartements zum Verkauf anbieten. Für die Besserverdienenden gibt es Reihenhäuser oder freistehende Häuser, die mit dem schönen Titel „Villa“ angepriesen werden.

2-4 Zimmer, Küche, Bad werden am häufigsten annonciert. Abzuzahlen im Normalfall über Kredit. Finanzierungsmodelle über die Baugesellschaft und die mit ihr kooperierende Bank. Vielleicht ist das Appartement aber auch die Mitgift der Frau oder cash mit dem Schwarzgeld der Eltern oder Schwiegereltern bezahlt.

Das stellt die Werbung heraus: 24 Stunden Strom mit Backup-Garantie, fließend warmes und kaltes Wasser und Security. Schwimmbad, Fitnesscenter, Tennisplatz, Spielplätze für die Kinder, Clubhaus, der Platz zum Joggen oder Radfahren sind Gemeinschaftseigentum. Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf gleich integriert in die Wohnanlage oder nicht weit davon entfernt in der nächsten Mall, die für viele Inder der Inbegriff von Freizeitvergnügen ist (Fast-Food-Restaurants, Kino, Shopping, Kinderbetreuung…).

Das Interieur und Wohnaccessoires

So sieht der Wohntraum der oberen Mittelschicht aus: alle Zimmer mit Klimaanlage, im Wohnzimmer ein großer Flachbildschirm mit Home-Entertainment-System, Couch mit vielen Kissen und eine Einbauküche der internationalen Labels mit Gasherd, bisweilen Induktion, in jedem Fall aber mit sehr großem Kühl- und Gefrierschrank und der schnellen Möglichkeit, Eiswürfel für die gekühlten Drinks zu produzieren. Und natürlich: Mikrowelle. Fertigproduke – allen voran Maggi – haben in diesen Haushalten Einzug gehalten.

Der Trend heißt: weg von der Großfamilie hin zur Kernfamilie. Für uns klingt das selbstverständlich. Denn wer hat schon Lust, mit Eltern bzw. Schwiegereltern, Brüdern bzw. Schwägern und deren Familie unter einem Dach zu wohnen, miteinander zu kochen und zu essen? Das ist für viele von uns nur das Pflichtprogramm an Weihnachten und hier knistert es bei manchen gewaltig. Für Indien ist die Entwicklung zur Kleinfamilie neu. Viele junge Leute sind Pioniere, die dieses Lebensmodell ausprobieren. Von Zuhause aus ist ihnen diese Form des Familienlebens und Wohnens unbekannt.

Wohnraum entsteht dort, wo Menschen arbeiten. Je mehr sich Industrie und Dienstleistungsunternehmen in kleineren Städten ansiedeln, desto mehr Nachfrage besteht nach bezahlbarem Wohnraum. Sind die Jobs sicher, entschließen sich die Leute, Wohnungen zu kaufen und sie selbst zu nutzen oder sie als Kapitalanlage zu vermieten.

IMG_0161 SONY DSC               Auch eine Wirklichkeit:  IMG_0137

Ein guter Platz für Wohnträume: PUNE!

Eine der boomenden Destinationen ist Pune. Für indische Verhältnisse nahe an der überfüllten und fast unbezahlbaren Finanzmetropole Mumbai. Pune ist attraktiv, die Infrastruktur besser als anderswo, die Ansiedelung von Unternehmen – auch internationaler Firmen, darunter vieler aus Deutschland – politisch gewünscht und relativ leicht.

Die einst gemächlich ruhige und grüne Kleinstadt wächst. Die Zeit, in der man vom Stadtrand bis ins Zentrum nur 30 Minuten brauchte, ist vorbei. Einst durch den Max Mueller-Bhavan – „der“ ersten Adresse in Indien, um Deutsch zu lernen – und den Ashram von Osho bekannt, verbindet man heute mit Pune IT, Automobil und riesige Fertigungshallen. Auch schon für 3-D-Druck.

Die Menschen, die in Pune arbeiten, brauchen Wohnraum. Entsprechend viel wird gebaut. Hochhäuser und Wohnanlagen entstehen. Besonders beliebt sind Kharadi und Wagholi im Stadtosten und Pimple Nilak, Pimple Saudagar sowie Wakad im Westen der Stadt. Warum? Aufgrund der guten Verbindung in die Stadt, der Einkaufsmöglichkeiten, der Schulen, der ausgezeichneten Ärzte und Krankenhäuser.

Noch sind die Preise moderat: Baugesellschaften wie Maple, die Jalan Group, Vastushodt und die Javdekar Group bieten 1-2 Zimmer-Wohnungen von 10 bis 22 lakhs in der Grundausstattung an. Das sind umgerechnet 125.000 bis 275.000 €.

Moshi in Pimpri-Chinchwad, Pirangut an der Lavasa Road und Kirkitwadi an der Sinhagad Road gelten ebenso wie Nanded City als Tipps für Investoren, obwohl sie relativ weit vom Zentrum entfernt sind.

Weil viele deutsche Expats in Pune leben und manche Führungskraft wissen möchte, wie viel die Angestellten investieren müssen, wenn sie eine Wohnung kaufen wollen, hier eine Hausnummer: Der Durchschnittspreis für eine 2-Zimmer Neubauwohnung in einer der gerade entstandenen oder derzeit entstehenden Wohnanlagen bzw. Hochhäuser ist mit 18 lakhs für Pune angegeben. Das sind 225.000 €.

Umrechnungskurs: 1 € = 80 Rupien.


Kaffee trinken in Indien – voll im Trend

Mein Bekannter fliegt zum ersten Mal geschäftlich nach Indien und raunt mir zu: „Bäh, da muss ich diesen papp süssen Milchtee trinken. Igitt, wie furchtbar. Das ist doch eine Strafe für einen Kaffeetrinker wie mich“. Denkste, rufe ich. Es gibt auch Kaffee!

Indiens Tee ist bekannt. Darjeeling, Assam, Nilgiri werden in die ganze Welt exportiert. Chai, schwarzer Tee gekocht mit Zucker und Milch, ist das Standardgetränk der Inder. Verhandlungen werden „over a cup of tea“ geführt und Wartezeiten mit einer Tasse Tee versüßt.

Doch die Zeiten ändern sich. Indiens neues „In-Getränk“ ist Kaffee. Lavazza, Costa Coffee, Cafe Coffee Day (CCD), Coffee Bean & Tea Leaf (CBTL), Bru World Cafe, Dunkin Donats, Starbucks sind einige der etablierten Marken am Markt, der sich aller Voraussicht nach von 230 Mrd. US$ (2013) auf 410 Mrd. US$ (2017) fast verdoppeln wird. Seit 2000 kamen jedes Jahr etwa 250 neue „outlets“ dazu. Die Zahl stieg von ca. 700 im Jahr 2007 auf knapp 2000 im Jahr 2014.

Traumjob: Barista

Durchschnittlich 120 Rupien lässt man sich den Besuch im Café kosten. Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, schaut regelmäßig vorbei. „Ich kenne meine Stammkunden alle mit Namen und weiß, was sie trinken wollen“, sagt Vinod, der als Barista seinen Traumjob gefunden hat.

„Als ich bei Costa anfing, war mein Englisch sehr schlecht. Heute kann ich mich mit meinen Kunden in fließendem Englisch unterhalten und ihnen auch ein paar Empfehlungen geben, die ihren Geschmack treffen könnten. Ich schaute eine Woche lang nur zu, wie meine Kollegen mit den Kunden umgehen, was für Handgriffe sie machen, was sie sagen. Dann fing ich mit einfachen Sachen an. Ich bekam ein ausgezeichnetes Training, das mich auch im Umgang mit meinen anspruchsvollen Kunden sicher machte. Gibt es einmal Reklamationen, dann weiß ich, was zu tun ist. Denn wir haben ein genaues Procedere, mit Beschwerden umzugehen.“

10.000 Rupien (125 €) ist das monatliche Einstiegsgehalt. Dazu eine schöne Uniform. Barista ist der Traumjob für viele junge Leute aus den Dörfern. Vinod wird von vielen Jungs seiner alten Schule gefragt, ob er nicht ein gutes Wort für sie einlegen könne. „Das mache ich gerne, wenn ich weiß, dass sie wirklich bereit sind, hart zu arbeiten. Unsere Personalabteilung ist froh, wenn wir gute Leute empfehlen.“

Die Karriereleiter

Vom Barista zum Schichtmanager geht die Karriereleiter und für manche sogar weiter in ein fünf Sterne-Hotel. Sie sind Profis – haben das nötige Können, sind freundlich, offen, gepflegt, service-orientiert und verstehen die Wünsche ihrer Kunden. „Wir suchen Talente, die bereit sind zu lernen und sich selbst weiterzuentwickeln. Hygiene, gute Manieren und Freundlichkeit sind uns besonders wichtig. Besonders viele Bewerbungen kriegen wir von Leuten, die in einem Call-Center gearbeitet haben“, bemerkt K.S. Narayanan von CBTL.

CCD (Cafe Coffee Day) mit mehr als 8000 Baristas gibt besonders gerne auch behinderten Leuten eine Chance. „Warum sollen sie das nicht können. Wir machen gute Erfahrungen“, heißt es vom Management. Das Costa’s Green Park Cafe in Delhi fing 2007 an, junge Leute anzustellen, die „specially-abled“ sind. „Das klappt prima. Sie sind voll integriert und kommen gut zurecht. Wir denken daran, eine unserer Filialen nur von unseren Angestellten mit Behinderung managen zu lassen. So setzen wir ein Zeichen für Inklusion.“

Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein

Der Job an der Theke ist weitgehend Männersache. Vor allem wegen der Öffnungszeiten der Cafés. Oft geht eine Schicht von 11.00 Uhr morgens bis 11.00 Uhr abends. Für Frauen ist das schwer machbar, weil sie sich vor allem auf dem Heimweg nachts nicht sicher fühlen. Deshalb haben viele Ketten spezielle Schichten für Frauen eingerichtet. Anjaly findet das prima. Nach der 12. Klasse zog sie vom Land zu ihrer Tante in die Stadt, um dort Arbeit zu finden. Sie bekam eine Lehrstelle als Barista bei Indiens größter Café-Kette CCD.

„Meine Familie konnte sich darunter nichts vorstellen und war skeptisch, weil ich mit so viel fremden Leuten täglich zu tun habe. Ich bin jetzt schon im siebten Jahr hier und habe die Routine und vor allem Selbstvertrauen. In meinem Job macht mir niemand etwas vor. Zudringlich wurde niemand. Da achten auch die Kollegen drauf. Was ich besonders schätze ist mein selbst verdientes Geld. Ich habe eine große Summe gespart. Jetzt drängt meine Familie darauf, dass ich heirate. Schließlich bin ich 25. Da wird es Zeit. Ja, ich möchte heiraten. Aber zurück ins Dorf und meine Selbstständigkeit aufgeben, das kommt auf keinen Fall in Frage. Ich möchte weiterarbeiten“, sagt Anjaly mit viel Selbstbewusstsein.

Prestige und Exklusivität färben ab

Vielleicht ist es für Anjaly schwierig, einen Mann zu finden. Vinod hingegen sieht aufgrund seines Jobs gestiegene Chancen für sich auf dem Heiratsmarkt. „Wir arbeiten in tollen locations. Am Flughafen Delhi war ich schon, jetzt in einer der Super-Malls in Gurgaon. Da ist alles ziemlich fancy. Es kommen tolle Leute. Ich habe Stammkunden. Das sind wichtige Leute in der Stadt. Mein Arbeitsplatz ist international und chic. Der Job bringt mir Prestige. Außerdem habe ich inzwischen ein sehr gutes Gehalt. Da habe ich ausgezeichnete Chancen, eine tolle Frau zu finden“, findet Vinod und grinst.

Vielleicht erinnern Sie sich bei Ihrer nächsten Tasse Kaffee oder Tee – den gibt es dort nämlich auch – dem Brownie, dem hot chocolate cake oder Sandwich, an die Geschichten der jungen Leute, die Sie mit einem Lächeln sehr zuvorkommend mit allen möglichen Varianten von Kaffee bedienen. Die aller wenigsten von ihnen hatten – ehe sie ihre Ausbildung zum Barista begannen – je einen Schluck Kaffee getrunken.

PS: Das Startbild zeigt mein „Mittagessen“ in der Ambience-Mall, Gurgaon am 5.11.2014. Die Tasse Earl Grey und der empfohlene warme Schokokuchen. Der Barista freute sich, als ich meine Sachen fotografierte. Er wertete es als Zeichen, dass es mir schmeckt. Damit hatte er absolut recht. Nur leider muss das Hüftgold jetzt wieder weg.