Business Culture Indien

Interkulturelle Kompetenz ist der Schlüssel zu internationaler Unternehmensfitness


Literaturtipp: Tor Farovik, Indien und seine tausend Gesichter

Geschichte verpackt in spannende Geschichten – das bietet Tor Faroviks Buch. Aufklärend, anregend, aufregend, anstoßend, aufrüttelnd erzählt mit Leidenschaft. Inhaltlich ein Schwergewicht, geschrieben mit faszinierender Leichtigkeit. Ein absolutes „must read“ für alle, die in Indien leben und arbeiten oder ganz einfach der indischen Mentalität etwas mehr auf die Spur kommen möchten.

Wer dieses Buch gelesen hat, ist näher an Indien, vertrauter mit Land und Leuten!

Ob der indische Kampf nach Unabhängigkeit, das oft schwierige friedliche Zusammenleben von Hindus und Muslimen, das allabendliche Spektakel des Einholens der Flagge an der indisch-pakistanischen Grenze, die pulsierende Frömmigkeit in Varanasi, das Rotlichtviertel in Mumbai, die Lebensweisheit der Asketen, die Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft inklusive Witwenverbrennung (ob freiwillig oder nicht) und und und. Wirtschaft, Soziales, Religiöses, Kulturelles, gesellschaftliche Brennpunkte – alles findet sich hier in eindrücklichen Geschichten verdichtet.

Lebendig und spannend öffnet sich ein Tor zur indischen Kultur.

Feinfühlig beobachtend, genau hinschauend, kritisch reflektierend, bisweilen verstörend, irritierend und überraschend erschließt sich mit jedem Kapitel Indien ein klein wenig mehr. Indien ist einzigartig. Vielfältig. Wenn es das eine gibt, gibt es ganz gewiss auch das Gegenteil dazu. Schade, dass das Buch nach 450 Seiten zu Ende ist. Es macht Lust auf mehr.

Jawaharlal Nehru, der erste indische Premierminister, sagte: „Ich habe versucht, Indien zu verstehen. Leider muss ich sagen, dass es mir nie gelungen ist.“ Seine Tochter Indira Gandhi meinte: „Wer Indien verstehen will, muss auf alle Vorurteile verzichten. Bloß keine Vergleiche! Indien ist anders.“

Dieses Buch hilft, Indien besser zu verstehen und ermöglicht es einem, eine Idee davon zu bekommen, wie Inder ticken. Ein wenig mehr Verstehen und sei es auch nur, um jenseits des scheinbar verstanden Geglaubten schon wieder auf die nächste Herausforderung zu stoßen und wieder einmal verblüfft und unverständig den Kopf zu schütteln. In der Hoffnung, dass sich irgendwann mal ein Aha-Erlebnis einstellt.

„Indien und seine tausend Gesichter“ ist definitiv Pflichtlektüre für alle, die Indien im Sinne einer Tiefenbohrung kennenlernen wollen. Spannender Lesegenuss und Wissensmehrung garantiert!

Alle, die mit Corporate India zu tun haben, gewinnen durch die kurzweilig erzählten Geschichten viel Hintergrundwissen, das sie geschickt ins Gespräch mit ihren Geschäftspartnern und KollegInnen einfließen lassen können. Damit sammeln sie wertvolle Pluspunkte für ein gelingendes Miteinander auf der Basis eines bessren, tiefgründigen Verstehens.

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Übrigens: Ich fand das Buch so klasse, dass ich unterm Gehen las und mich auf jede verspätete U-Bahn und jede rote Ampel freute, an der ich weiterlesen konnte.

Farovik, Indien und seine tausend Gesichter. Menschen, Mythen, Landschaften, München 4. Aufl. 2012 (445 Seiten). Der Preis: 14,99 €

ISBN 978-3-492-40282-8


Voll angesagt: Auswärts Essen

Der Klassiker von einst!

Indien war immer etwas speziell, wenn es darum geht, Essen zu sich zu nehmen, das andere Leute gekocht haben. Wer weiß, was die so rein tun? Ob die wirklich sauber sind? Ob das Essen rein ist. Das heißt: den vielen religiösen Vorschriften gemäß zubereitet. Außerdem war es wichtig, dass Angehörige höherer Kasten, vor allem Brahmanen, nichts von dem zu sich nehmen, was Dalits (= Kastenlose, Unberührbare, Mahatma Gandhi nannte sie „Harijans“ – Kinder Gottes) kochten. Sie wären sonst unrein geworden. Skepsis und Misstrauen dominierten also. Überhaupt hieß es ganz praktisch: Zuhause schmeckt es am besten. Da weiß man, was man hat.

Eating out – the new definition of fun

Diese Zeiten scheinen nun endgültig vorbei. Auswärts zu Essen ist absolut im Trend. Vor allem in den Städten. Wer einen guten Job hat, kann es sich nicht nur leisten, in einem Restaurant Essen zu gehen, sondern genießt auch, dass andere die Arbeit für ihn erledigen. So bleibt Zeit, sich ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren: Das Treffen mit Freunden, das gute Gespräch. Sich zum Essen zu verabreden, ist heute also angesagt.

Außerdem, so die „Foodies“, ist für jeden Geschmack etwas dabei. Man kann bestellen, wonach einem der Sinn ist. Vegetarisch oder doch etwas mit Fleisch. Die Vielfalt kennt keine Grenzen, zumal in den Städten Indiens inzwischen ganz unterschiedliche kulinarische Köstlichkeiten angeboten werden: Chinesisch ebenso wie mediterrane Küche, Burger und Sandwiches ebenso wie Pizza, Fastfoodketten wie Gourmet-Restaurants.

Eat healthy

Wenn auch die indische Mittelschicht vielfach gerade dabei ist, Rettungsringe und Hüftspeck anzusetzen, bricht sich ein neuer Trend die Bahn: Gesundes Essen. Die Zeitungen informieren nicht nur über gesundes Essen, sondern sind voll mit Rezepten über grüne Smoothies zum Beispiel und unterschiedlichste raffinierte Arten, Gemüse zuzubereiten. Avocados sind der Renner. „Low carb, low fat“ heißt die Devise.

Die Mutter meiner indischen Freundin, eine fortschrittliche Powerfrau der indischen Oberschicht, die sich von nichts und niemandem klein kriegen ließ, konnte sich mit Salat so gar nicht anfreunden. „Das ist Futter für die Ziegen und Schafe! So was kann man doch nicht essen!“ Ihr Tochter baut heute ganz selbstverständlich Ruccula, Endiviensalat und Kopfsalat im eigenen Gemüsegarten an. Bio selbstverständlich!

Die Einstellung zum Essen hat sich geändert. Uns ist das, was in Indien gerade populär wird, vertraut. Auch wir laden unsere Familie und Freunde zum Essen in ein Restaurant ein. Zwei große Unterschiede fallen gleichwohl auf: Einmal beim Zahlen und das andere Mal, wo man Platz nimmt. Verwundert? Dann lesen Sie einfach weiter.

Getrennt oder zusammen

Zum ersten: NIE käme man in Indien auf die Idee, das Servicepersonal um getrennte Rechnungen zu bitten oder am Tisch dann umständlich ausrechnen zu lassen, wer denn nun wieviel zu zahlen hat. Getrennt  oder zusammen, ist keine Frage in Indien. Es zahlt immer einer. Nämlich der, der einlädt.

Draußen – nein danke

Zum zweiten: In Indien mag man nicht draußen Essen. Ein schattiger Platz auf einer Terrasse oder im Biergarten unterm Kastanienbaum ist aus indischer Sicht komplett verrückt. Wieso in der Hitze sitzen, sich von Moskitos umschwirren lassen, wenn es doch innen mit der AC so gemütlich ist?

Besonders deutlich wurde mir das, als ich Anjali, eine Studentin aus Delhi zu Besuch hatte. Ihr erstes Mal außerhalb Indiens. Wir besuchten mehrere Städte in Deutschland und gingen ganz selbstverständlich auch zum Essen. Es war Juni und das Wetter war fantastisch. Für deutsche Verhältnisse. Die Straßencafés waren voll, jeder Platz im Biergarten besetzt. Wer draußen sitzen konnte, war glücklich.

Außer Anjali. Wenn ich ihr die Platzwahl überließ, landeten wir drinnen. Finster und stickig. Sie happy, ich nicht. Setzte ich mich durch und ergatterte einen Platz im Freien, hieß es: „These crazy Germans!“ Sie postete die Fotos von „im Freien sitzen und essen“ sofort in Facebook und sorgte bei ihren Freundinnen für komplette Verwirrung. Wie kann man nur? Völlig bescheuert.

Ob sich der Indian Mindset da noch ändern wird?

 

 


Mango: Die Lieblingsfrucht der Inder

Bei diesem Anblick läuft einem gleich das Wasser im Mund zusammen. Kunstvoll gestapelt in den Obstläden und auf den Verkaufsständen am Straßenrand, verlockend der Duft und der Geschmack einfach nur Genuss pur: Die Mango – durch nichts zu toppen, die Lieblingsfrucht der Inder.

Mango Chuttney, Mango Pickles, Mangosaft, Mango-Limonade, Mango-Lassi, Mango-Marmelade, Mangos getrocknet oder einfach als Obstsalat – Mango geht immer. Schmackhaft und gesund.

Das Million Dollar Business: Fruchtsaft

Von Jahr zu Jahr wächst die Nachfrage der Inder nach Fruchtsaft, vor allem der nach Mango.

„Wenn dir das Leben Zitronen gibt, dann verzieh dein Gesicht nicht wegen der Säure, sondern mach Limonade daraus. Wenn du Mangos hast, dann verarbeite das Fruchtfleisch“.

So dachte sich Rahoul Jain, dessen Familie eine große Mango-Plantage in der Nähe von Chennai besitzt und ständig Schwierigkeiten hatte, Pächter zu finden.

Food processing – ein Wachstumsmarkt in Indien

Weiterverarbeitung war für ihn das Zauberwort. Er baute gleich neben der Plantage eine Fabrik, um das Fruchtfleisch der Mangos zu verarbeiten. Das war Ende der 1990 Jahre. Dafür investierte er mehr als 300.000 €. Der Umsatz betrug 2013 rund 375 Millionen €. Der jährliche Gewinn liegt nach Angaben des findigen Geschäftsmanns bei 37,5 – 43,7 Millionen €. Heute ist sein Unternehmen Capricorn Food Products India einer der größten Mango verarbeitenden Betriebe Indiens.

Softdrinks boomen in Indien

„Fruchtfleisch, Konzentrat und gefrorene Früchte sind meine Bestseller“, sagt Rahoul Jain. Allein der Markt für Mango-Fruchtfleisch liegt bei  knapp einer Milliarde € pro Jahr und ist schnell wachsend. Hauptabnehmer ist die Getränkeindustrie.

PepsiCo, CocaCola, Unilever, Nestle und Parle Agro kaufen alles auf, was sie kriegen können. „Mein Hauptabnehmer ist PepsiCo. Dahin verkaufe ich etwa 95% meiner Produkte. Wer eine Flasche Slice bestellt – der Mango Softdrink von PepsiCo – hat gute Chancen, Obst von unserer Plantage in seinem Glas zu finden“, sagt der Chef von Capricorn Food.

Maaza, Slice und Frooti sind die bekanntesten Mangodrinks in Indien. Sie sind im Kiransstore (vergleichbar einem Tante Emma Laden) ebenso erhältlich wie im Supermarkt, in der Schulkantine und im 5-Sterne-Restaurant. Indien ist mit 45% Marktanteil weltweit der größte Mango-Produzent. Die meisten Mangos werden im Land selbst verbraucht. Frisch auf den Tisch oder als Chuttney oder Pickles. Es ist der Stolz aller Hausfrauen, hier mit einem ganz besonderen Rezept zu glänzen und die hausgemachten Spezialitäten an Freunde zu verschenken. Nur 5% der Mangos werden industriell weiterverarbeitet und bilden die Substanz für die beliebten Getränke.

Zukunftspläne: Noch mehr Wachstum

200.000 Tonnen Mangos werden bei Capricorn Food jedes Jahr verarbeitet, dazu 50.000 Tonnen Guaven, Papayas und Wassermelonen. Vieles davon geht in den Export.

Jain hat eine neue Idee, um mit seinem Unternehmen weiter wachsen. Die nächste Investition steht kurz vor der Realisierung: Eine Fabrik, die täglich 100 Tonnen Tomaten weiterverarbeiten kann. Tomatenmark, Tomatenstücke in Dosen, Ketchup – auch dieser Markt bietet gute Chancen. Das Konsumverhalten hat sich geändert. Indiens Mittel- und Oberschicht liebt Pasta, Pizza, Wraps und Fast Food. Und ganz klar: Ketchup ist seit Langem schon ein „Must have“ zu allen Burgers und Sandwiches.


Eisgenuss für Schleckermäuler: Nachfrage nach Eiscreme wächst enorm in Indien

Bis vor kurzem warnte die Reiseliteratur für Indien vor dem Genuss von Speiseeis. „Finger weg, sonst werden Sie es bitter bereuen!“ Salmonellen- und bakterienverseucht sei das Eis. Ein verdorbener Magen noch das geringste Übel.

Also ließen wir uns auf unseren Geschäftsreisen nicht verführen. Wir wollten fit für unsere Verhandlungen bleiben.

Das hat sich geändert: Eiscreme-Parlors (= Eisdiele) sind in Indien in. Luxusmarken sind trendy. Mövenpick von Nestlé und Häagen-Dasz aus New York sind im Wettstreit mit indischen Speise-Eis-Produzenten. Kein Wunder, denn der Markt wächst jedes Jahr um knapp 20%. Punkten wollen alle mit ausgefallenen Sorten im hochpreisigen Gourmetbereich.

Probieren lohnt sich. Ich hab es getan und mein Eis schmeckte fantastisch!

Kreationen für den indischen Markt

Prabai’s Fresh & Naturelle Ice Creams aus Kalkutta beliefert ausschließlich Fünf-Sterne-Hotels und Restaurants der gehobenen Klasse. Die 2000 Liter Gourmeteis, die täglich produziert werden – zu Spitzenzeiten sind es 4000 Liter – finden reißenden Absatz. „Ohne künstliche Aromastoffe und ohne irgendwelchen Zusatz“ heißt das Motto von Fresh & Naturelle. „Unser Kakao, den wir verwenden, ist 100% Natur. Normalerweise wird er mit Laugen behandelt und verliert dabei seine Nährstoffe und die Effektivität, freie Radikale einzufangen. Nur 1% des auf dem Weltmarkt überhaupt erhältlichen Kakaos ist natürlich verarbeitet. Genau den wollen wir. Auch wenn es teuer ist. Aber es lohnt sich. Außerdem haben wir ausgefallene Sorten: Sandelholz, Japanischer Grüntee und süsses Paan“, sagt Kunal Pabrai.

Customizing ein absolutes Muss für Indien

„Die Nachfrage ist groß. Inder mögen es süß“, bemerkt Srinivas Kamath von Natural Ice Cream. „Wir wollen, dass unser Eis nicht nur gut schmeckt, sondern auch gesund ist. Deshalb verwenden wir beste Zutaten. Es gibt auch Nachfrage nach fettarmem Eis oder Eis, das weniger Zucker enthält. Wer das will, ist bei uns richtig. Wir haben aber auch Sorten, die es nur bei uns gibt. So machen wir Fruchteis mit dem Obst, was die Saison gerade bietet. Unser Sitapal-Eis zum Beispiel (Apfelsorte mit Vanillegeschmack) verkauft sich bestens. Wir kreieren anlassbezogen mit erlesenen Zutaten für die Festivitäten: Zum Gedenktag von Ganesha haben wir ein Eis mit Bananen, Kokos und Rosinen. Für ein anderes Fest machen wir eines mit Sesam und Erdnüssen. Dafür stehen die Leute dann Schlange.“

Die Verwendung bester und natürlicher Zutaten sowie die Kreation besonderer Sorten sind für das Luxussegment im indischen Eismarkt unverzichtbar. Da muss Nestlé mithalten: für die Saison 2014 gibt es exklusiv ein Sahneeis mit Masala Chai-Geschmack in die Eisdielen – bei Mövenpick heißen sie Boutique. Fruchtsorbets und Sorbet-Speiseeis-Kombinationen sind eine weitere Spezialität, die sich Nestlé für den indischen Markt einfallen ließ. Dazu werden einheimische Früchte der Saison verarbeitet.

Für die Eiscremehersteller in Indien ist es unverzichtbar, den indischen Geschmack ganz genau zu kennen und dafür etwas Außergewöhnliches zu erfinden. Auf Markenbekanntheit allein können sich Mövenpick und Häagen-Dasz nicht verlassen. Sie müssen sich der indischen Kundschaft anpassen und etwas Besonderes bieten.

Vom Glas Milch zum Eis – Weiterverarbeitung von Lebensmitteln im Trend

Doch der Aufwand lohnt: die letzten 5 Jahre ist der Markt für Speiseeis in Indien um jeweils knapp 20% gewachsen. 3.000 cr (= 3,74 Milliarden €) ist das Marktvolumen in der Saison 2013/2014. Im Durchschnitt isst jeder Inder heute 400 ml Eis pro Jahr. 1996 waren es nur 100 ml.

Dazu haben vor allem die veränderten Kosumgewohnheiten der mittleren und höheren Mittelschicht beigetragen. Sie kann es sich leisten, Geld für Eis auszugeben.

Zudem wächst die Zahl derer, die nicht das letzte Geld zusammenkratzen muss, um für die Kinder ein Glas Milch zu kaufen. Der Trend geht bei Lebensmitteln zu verarbeiteten Produkten. Die Produktpalette, die sich immer mehr Haushalte leisten können, erweitert sich: Von der Mango zum Mango-Softdrink, vom Glas Milch zum Eis, von Tomaten als Zutat bei indischen Gerichten zu Tomaten in Ketchup, Pasta, Pizza und Wraps.

Wo gibt es das Eis?

Vertrieben wird das Gourmeteis über die Fünf-Sterne-Hotels und die gehobene Gastronomie sowie über Eisdielen, die hauptsächlich als Franchise geführt werden.

Was kostet die Kugel?

Guter Geschmack kostet. Bei Fresh & Naturelle gibt es die Kugel für zwischen 39 und 79 Rupien (= 0,50 bis 1 €), Natural startet mit 40 Rupien (= 0,50). Mövenpick verlangt für eine Kugel 175 Rupien (= 2,20 €) und Häagen-Dasz nimmt 210 Rupien (= 2,60 €). Meist bleibt es nicht bei einer Kugel. Schließlich möchten die indischen Gourmets mehrere Sorten probieren.

Und die Zukunft?

Die Zukunft wird noch mehr Sorten bringen und die Nachfrage von low fett und less suggar bis hin zu rich dairy cream befriedigen. Hinzu kommt Greek style frozen yoghurt und Gelato. Indien – heute schon der größte Milchproduzent der Welt – wird in ein paar Jahren auch der größte Markt für Speiseeis sein.


„Step in“ – Frauen gehen bei indischen Unternehmen in Führung

14% Frauen sind im Senior-Management. 66% aller indischen Unternehmen bieten Frauen flexible Arbeitsbedingungen. Diese beiden Zahlen laden ein, näher auf das Personalmanagement und die Rolle der Frauen in der indischen Wirtschaft hinzuschauen.

Heinz, der uns vor allem als Ketchup-Produzent bekannte amerikanische Nahrungsmittelhersteller, Colgate-Palmolive, Kellogg’s, Shell, Diageo – bekannt als Getränkehersteller u.a. von Guinness und Johnnie Walker – haben eines gemeinsam: ihre indischen Niederlassungen werden von Frauen geleitet.

Dazu kommt, dass vor allem der Bankensektor Frauen in Spitzenpositionen hat: Chanda Kochhar ist CEO der ICICI-Bank, Naina Lal Kidwal leitet HSBC India, Shikha Sharma ist Chefin der Axis-Bank, Arundhati Bhattacharya führt die State Bank of India, Vijayalakshmi Iyer steht an der Spitze der Bank of India, Shubhalakshmi Panse ist Vorstandsvorsitzende der Allahabad Bank und Archana Bhargava leitet die United Bank of India. Damit sind Anfang 2015 sieben Spitzenpositionen in der indischen Finanzwelt von Frauen besetzt.

Dieses Ergebnis lässt aufhorchen.

Was steht dahinter? Woher kommt es?

Wie nahezu überall auf der Welt und ihren patriarchalisch verfassten Gesellschaften gingen Frauen im Erwerbsleben zunächst „typischen“ weiblichen Berufen nach: Sie wurden Krankenschwester und Ärztin, Lehrerin, suchten sich eine Anstellung bei Behörden oder machten eine Banklehre. All das galt als sicheres Terrain für Frauen. Die Arbeitsfelder waren die Fortsetzung dessen, was sie klassischerweise zuhause taten: sich um die Familie kümmern, kranke Mitglieder versorgen, Kinder erziehen und das Geld zusammenhalten.

Mit der Zeit professionalisierten Frauen ihr Können, erwarben Expertise und sind heute aus dem Kontext der Erwerbsarbeit in Indien nicht mehr wegzudenken. Unternehmen gaben ihnen eine Chance, indem sie die Arbeitsbedingungen frauen- und familienfreundlicher gestalteten. So konnten immer mehr Frauen trotz und mit Familienzeit Karriere machen und irgendwann in die Spitzenpositionen kommen.

„Karriere zu machen, braucht Zeit“

Chanda Kochhar, seit vielen Jahren Chefin der ICICI-Bank, benennt als eine der förderlichen Bedingungen: „Frauen haben verstärkt vor 20 und 30 Jahren angefangen, ins Berufsleben einzusteigen und sind nach ihrer Familienzeit mit kleinen Kindern wieder an den Arbeitsplatz zurückgekehrt. Sie bringen jetzt viele Jahre Berufserfahrung mit, haben sich mit ihren Fähigkeiten und ihrem Können unentbehrlich gemacht, so dass sie in Spitzenpositionen kommen. Karriere braucht Zeit und ein Arbeitsklima, das die Familienphase berücksichtigt. Jetzt können wir die Saat, die vor so vielen Jahren ausgestreut wurde, ernten. Frauen sind an der Spitze angekommen.“

„Eine Chance geben und von den Vorzügen der Frauen profitieren“

Ganz wichtig ist, dass die Unternehmen Frauen an der Spitze wollen und dies entsprechend fördern. Naina Lal Kidwal hat selbst erfahren, dass ein Ruck durch das Denken in der Unternehmensleitung gehen muss. „Es braucht die Weichenstellung, dass wir Frauen tatsächlich an der Spitze gewollt sind. Wir haben einen anderen Führungsstil, wir sind aufmerksamer, stress-resistenter, uns ist es ein Anliegen, andere zu fördern, wir konzentrieren uns auf die Inhalte und wollen die Sache voranbringen. Diese und andere Vorzüge haben im Unternehmen überzeugt. Aber es dauerte seine Zeit, bis diese Eigenschaften und dieser Stil geschätzt werden konnten. Indische Firmen mussten das erst lernen und selbst positive Erfahrungen sammeln.“

Ein Ratschlag für alle Businessfrauen:

„Don’t drop out of workforce“, ist der Rat, den Abanti Sankaranarayanan, Chefin von Diageo India, allen Frauen gibt. „Es gibt Zeiten, in denen die Familie an oberster Priorität steht und das Engagement im Beruf zurückgefahren werden muss. Aber tut eins nicht: Hört niemals auf zu arbeiten. Bleibt an Bord. Nehmt für eine gewisse Zeit Jobs, die etwas weniger Verantwortung erfordern. Aber hört nicht auf, im Berufsleben zu stehen.“

Datenquelle: Grant Thornton’s International Business Report, Boston Consulting Group & Government of India


Wie Ihre Mitarbeitenden und KollegInnen leben möchten: Wohnträume in Indien

Samstags gibt es in den indischen Zeitungen den Immobilienteil: Mohali, Chandigarh, Mysore, Guwahati, Vellore, Kochi, Bhopal, Coimbatore und weitere Städte sind gefragte Orte. Bauplätze sind dort eher rar. Vielmehr finden sich Anzeigen großer Baugesellschaften, die ganze Siedlungen aus dem Boden stampfen und die Appartements zum Verkauf anbieten. Für die Besserverdienenden gibt es Reihenhäuser oder freistehende Häuser, die mit dem schönen Titel „Villa“ angepriesen werden.

2-4 Zimmer, Küche, Bad werden am häufigsten annonciert. Abzuzahlen im Normalfall über Kredit. Finanzierungsmodelle über die Baugesellschaft und die mit ihr kooperierende Bank. Vielleicht ist das Appartement aber auch die Mitgift der Frau oder cash mit dem Schwarzgeld der Eltern oder Schwiegereltern bezahlt.

Das stellt die Werbung heraus: 24 Stunden Strom mit Backup-Garantie, fließend warmes und kaltes Wasser und Security. Schwimmbad, Fitnesscenter, Tennisplatz, Spielplätze für die Kinder, Clubhaus, der Platz zum Joggen oder Radfahren sind Gemeinschaftseigentum. Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf gleich integriert in die Wohnanlage oder nicht weit davon entfernt in der nächsten Mall, die für viele Inder der Inbegriff von Freizeitvergnügen ist (Fast-Food-Restaurants, Kino, Shopping, Kinderbetreuung…).

Das Interieur und Wohnaccessoires

So sieht der Wohntraum der oberen Mittelschicht aus: alle Zimmer mit Klimaanlage, im Wohnzimmer ein großer Flachbildschirm mit Home-Entertainment-System, Couch mit vielen Kissen und eine Einbauküche der internationalen Labels mit Gasherd, bisweilen Induktion, in jedem Fall aber mit sehr großem Kühl- und Gefrierschrank und der schnellen Möglichkeit, Eiswürfel für die gekühlten Drinks zu produzieren. Und natürlich: Mikrowelle. Fertigproduke – allen voran Maggi – haben in diesen Haushalten Einzug gehalten.

Der Trend heißt: weg von der Großfamilie hin zur Kernfamilie. Für uns klingt das selbstverständlich. Denn wer hat schon Lust, mit Eltern bzw. Schwiegereltern, Brüdern bzw. Schwägern und deren Familie unter einem Dach zu wohnen, miteinander zu kochen und zu essen? Das ist für viele von uns nur das Pflichtprogramm an Weihnachten und hier knistert es bei manchen gewaltig. Für Indien ist die Entwicklung zur Kleinfamilie neu. Viele junge Leute sind Pioniere, die dieses Lebensmodell ausprobieren. Von Zuhause aus ist ihnen diese Form des Familienlebens und Wohnens unbekannt.

Wohnraum entsteht dort, wo Menschen arbeiten. Je mehr sich Industrie und Dienstleistungsunternehmen in kleineren Städten ansiedeln, desto mehr Nachfrage besteht nach bezahlbarem Wohnraum. Sind die Jobs sicher, entschließen sich die Leute, Wohnungen zu kaufen und sie selbst zu nutzen oder sie als Kapitalanlage zu vermieten.

IMG_0161 SONY DSC               Auch eine Wirklichkeit:  IMG_0137

Ein guter Platz für Wohnträume: PUNE!

Eine der boomenden Destinationen ist Pune. Für indische Verhältnisse nahe an der überfüllten und fast unbezahlbaren Finanzmetropole Mumbai. Pune ist attraktiv, die Infrastruktur besser als anderswo, die Ansiedelung von Unternehmen – auch internationaler Firmen, darunter vieler aus Deutschland – politisch gewünscht und relativ leicht.

Die einst gemächlich ruhige und grüne Kleinstadt wächst. Die Zeit, in der man vom Stadtrand bis ins Zentrum nur 30 Minuten brauchte, ist vorbei. Einst durch den Max Mueller-Bhavan – „der“ ersten Adresse in Indien, um Deutsch zu lernen – und den Ashram von Osho bekannt, verbindet man heute mit Pune IT, Automobil und riesige Fertigungshallen. Auch schon für 3-D-Druck.

Die Menschen, die in Pune arbeiten, brauchen Wohnraum. Entsprechend viel wird gebaut. Hochhäuser und Wohnanlagen entstehen. Besonders beliebt sind Kharadi und Wagholi im Stadtosten und Pimple Nilak, Pimple Saudagar sowie Wakad im Westen der Stadt. Warum? Aufgrund der guten Verbindung in die Stadt, der Einkaufsmöglichkeiten, der Schulen, der ausgezeichneten Ärzte und Krankenhäuser.

Noch sind die Preise moderat: Baugesellschaften wie Maple, die Jalan Group, Vastushodt und die Javdekar Group bieten 1-2 Zimmer-Wohnungen von 10 bis 22 lakhs in der Grundausstattung an. Das sind umgerechnet 125.000 bis 275.000 €.

Moshi in Pimpri-Chinchwad, Pirangut an der Lavasa Road und Kirkitwadi an der Sinhagad Road gelten ebenso wie Nanded City als Tipps für Investoren, obwohl sie relativ weit vom Zentrum entfernt sind.

Weil viele deutsche Expats in Pune leben und manche Führungskraft wissen möchte, wie viel die Angestellten investieren müssen, wenn sie eine Wohnung kaufen wollen, hier eine Hausnummer: Der Durchschnittspreis für eine 2-Zimmer Neubauwohnung in einer der gerade entstandenen oder derzeit entstehenden Wohnanlagen bzw. Hochhäuser ist mit 18 lakhs für Pune angegeben. Das sind 225.000 €.

Umrechnungskurs: 1 € = 80 Rupien.


Kaffee trinken in Indien – voll im Trend

Mein Bekannter fliegt zum ersten Mal geschäftlich nach Indien und raunt mir zu: „Bäh, da muss ich diesen papp süssen Milchtee trinken. Igitt, wie furchtbar. Das ist doch eine Strafe für einen Kaffeetrinker wie mich“. Denkste, rufe ich. Es gibt auch Kaffee!

Indiens Tee ist bekannt. Darjeeling, Assam, Nilgiri werden in die ganze Welt exportiert. Chai, schwarzer Tee gekocht mit Zucker und Milch, ist das Standardgetränk der Inder. Verhandlungen werden „over a cup of tea“ geführt und Wartezeiten mit einer Tasse Tee versüßt.

Doch die Zeiten ändern sich. Indiens neues „In-Getränk“ ist Kaffee. Lavazza, Costa Coffee, Cafe Coffee Day (CCD), Coffee Bean & Tea Leaf (CBTL), Bru World Cafe, Dunkin Donats, Starbucks sind einige der etablierten Marken am Markt, der sich aller Voraussicht nach von 230 Mrd. US$ (2013) auf 410 Mrd. US$ (2017) fast verdoppeln wird. Seit 2000 kamen jedes Jahr etwa 250 neue „outlets“ dazu. Die Zahl stieg von ca. 700 im Jahr 2007 auf knapp 2000 im Jahr 2014.

Traumjob: Barista

Durchschnittlich 120 Rupien lässt man sich den Besuch im Café kosten. Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, schaut regelmäßig vorbei. „Ich kenne meine Stammkunden alle mit Namen und weiß, was sie trinken wollen“, sagt Vinod, der als Barista seinen Traumjob gefunden hat.

„Als ich bei Costa anfing, war mein Englisch sehr schlecht. Heute kann ich mich mit meinen Kunden in fließendem Englisch unterhalten und ihnen auch ein paar Empfehlungen geben, die ihren Geschmack treffen könnten. Ich schaute eine Woche lang nur zu, wie meine Kollegen mit den Kunden umgehen, was für Handgriffe sie machen, was sie sagen. Dann fing ich mit einfachen Sachen an. Ich bekam ein ausgezeichnetes Training, das mich auch im Umgang mit meinen anspruchsvollen Kunden sicher machte. Gibt es einmal Reklamationen, dann weiß ich, was zu tun ist. Denn wir haben ein genaues Procedere, mit Beschwerden umzugehen.“

10.000 Rupien (125 €) ist das monatliche Einstiegsgehalt. Dazu eine schöne Uniform. Barista ist der Traumjob für viele junge Leute aus den Dörfern. Vinod wird von vielen Jungs seiner alten Schule gefragt, ob er nicht ein gutes Wort für sie einlegen könne. „Das mache ich gerne, wenn ich weiß, dass sie wirklich bereit sind, hart zu arbeiten. Unsere Personalabteilung ist froh, wenn wir gute Leute empfehlen.“

Die Karriereleiter

Vom Barista zum Schichtmanager geht die Karriereleiter und für manche sogar weiter in ein fünf Sterne-Hotel. Sie sind Profis – haben das nötige Können, sind freundlich, offen, gepflegt, service-orientiert und verstehen die Wünsche ihrer Kunden. „Wir suchen Talente, die bereit sind zu lernen und sich selbst weiterzuentwickeln. Hygiene, gute Manieren und Freundlichkeit sind uns besonders wichtig. Besonders viele Bewerbungen kriegen wir von Leuten, die in einem Call-Center gearbeitet haben“, bemerkt K.S. Narayanan von CBTL.

CCD (Cafe Coffee Day) mit mehr als 8000 Baristas gibt besonders gerne auch behinderten Leuten eine Chance. „Warum sollen sie das nicht können. Wir machen gute Erfahrungen“, heißt es vom Management. Das Costa’s Green Park Cafe in Delhi fing 2007 an, junge Leute anzustellen, die „specially-abled“ sind. „Das klappt prima. Sie sind voll integriert und kommen gut zurecht. Wir denken daran, eine unserer Filialen nur von unseren Angestellten mit Behinderung managen zu lassen. So setzen wir ein Zeichen für Inklusion.“

Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein

Der Job an der Theke ist weitgehend Männersache. Vor allem wegen der Öffnungszeiten der Cafés. Oft geht eine Schicht von 11.00 Uhr morgens bis 11.00 Uhr abends. Für Frauen ist das schwer machbar, weil sie sich vor allem auf dem Heimweg nachts nicht sicher fühlen. Deshalb haben viele Ketten spezielle Schichten für Frauen eingerichtet. Anjaly findet das prima. Nach der 12. Klasse zog sie vom Land zu ihrer Tante in die Stadt, um dort Arbeit zu finden. Sie bekam eine Lehrstelle als Barista bei Indiens größter Café-Kette CCD.

„Meine Familie konnte sich darunter nichts vorstellen und war skeptisch, weil ich mit so viel fremden Leuten täglich zu tun habe. Ich bin jetzt schon im siebten Jahr hier und habe die Routine und vor allem Selbstvertrauen. In meinem Job macht mir niemand etwas vor. Zudringlich wurde niemand. Da achten auch die Kollegen drauf. Was ich besonders schätze ist mein selbst verdientes Geld. Ich habe eine große Summe gespart. Jetzt drängt meine Familie darauf, dass ich heirate. Schließlich bin ich 25. Da wird es Zeit. Ja, ich möchte heiraten. Aber zurück ins Dorf und meine Selbstständigkeit aufgeben, das kommt auf keinen Fall in Frage. Ich möchte weiterarbeiten“, sagt Anjaly mit viel Selbstbewusstsein.

Prestige und Exklusivität färben ab

Vielleicht ist es für Anjaly schwierig, einen Mann zu finden. Vinod hingegen sieht aufgrund seines Jobs gestiegene Chancen für sich auf dem Heiratsmarkt. „Wir arbeiten in tollen locations. Am Flughafen Delhi war ich schon, jetzt in einer der Super-Malls in Gurgaon. Da ist alles ziemlich fancy. Es kommen tolle Leute. Ich habe Stammkunden. Das sind wichtige Leute in der Stadt. Mein Arbeitsplatz ist international und chic. Der Job bringt mir Prestige. Außerdem habe ich inzwischen ein sehr gutes Gehalt. Da habe ich ausgezeichnete Chancen, eine tolle Frau zu finden“, findet Vinod und grinst.

Vielleicht erinnern Sie sich bei Ihrer nächsten Tasse Kaffee oder Tee – den gibt es dort nämlich auch – dem Brownie, dem hot chocolate cake oder Sandwich, an die Geschichten der jungen Leute, die Sie mit einem Lächeln sehr zuvorkommend mit allen möglichen Varianten von Kaffee bedienen. Die aller wenigsten von ihnen hatten – ehe sie ihre Ausbildung zum Barista begannen – je einen Schluck Kaffee getrunken.

PS: Das Startbild zeigt mein „Mittagessen“ in der Ambience-Mall, Gurgaon am 5.11.2014. Die Tasse Earl Grey und der empfohlene warme Schokokuchen. Der Barista freute sich, als ich meine Sachen fotografierte. Er wertete es als Zeichen, dass es mir schmeckt. Damit hatte er absolut recht. Nur leider muss das Hüftgold jetzt wieder weg.